Lieber Herr Nielsen, Wieder einmal bietet sich die Gelegenheit Ihnen einen Brief zukommen zu lassen, und ich hoffe sehr dass er Sie und Ihre Frau in Zuständen leidicher Gesundheit und Zufriedenheit antrifft. Die große Aufgabe, finde ich, die uns alle herausfordert, ist in der Bewältigung der Enttäuschungen und Beschränkungen des Lebens seinen wahren Sinn zu finden. Beim Überlesen der Korrespondenz mit meiner verstorbenen Frau, das mir zu einer Art Andacht geworden ist, fand ich einen Verweis auf Rilkes Briefe an einen jungen Dichter, welche ich nun, um meine Erinnerungen zu bestätigen und zu erneuern, ein weiteres Mal gelesen habe. Einst waren diese Briefe meine Einführung zu Rilke. Ich las sie zuerst als elf-jähriges Kind als ich nur wenig von Dichtung, nichts vom Geschlecht, aber schon sehr viel von Einsamkeit verstand. Meine Eltern waren von Rilkes leidenschaftlichem Lob der Inwendigkeit stark beeindruckt. Heute finde ich dies Lob ein wenig übertrieben, vielleicht weil es mich überflüssig dünkt, der ich mich im hohen Alter mit der Einsamkeit zureichend vertraut fühle. Zugleich werde ich mir zunehmend der Unzulänglichkeit des verzweifelten Anbetens der Subjektivität bewusst, diesem Thema das sich über die Mystik und den Pietismus hinaus, durchs Mittelalter in die undurchsichtigste Vergangenheit erstreckt, bis es kürzlich aufs Neue von Kierkegaard eindringlich erneuert wurde. Gewissermaßen widerspricht sich der Denker oder der Dichter der ein Publikum für seine Verkündung der Einsamkeit begehrt. Handelte er folgerichtig, würde er schweigen. Ich meine zu verstehen, Kierkegaard und Rilke ungeachtet, dass wir Menschen nicht nur als Einzelne leben müssen, sondern dass wir zugleich Herdentiere sind, deren Denken und Fühlen, deren Benehmen und Handeln nicht nur gegenseitig, von einander, sondern in erstaunlichem und erschreckendem Maße von der Gesamtheit, von der Gesellschaft, von der unübersichtlichen Herde bestimmt ist. Es wäre nicht das erste Mal in meinem Leben, dass ich, in unscheinbare Beschränkungen verstrickt, mir einbildete einen Durchbruch zu einer allgemeinen Wahrheit entdeckt zu haben, indessen die überwundene Begrenzung nichts mehr als Beseitigung eines kleinen Fleckens der eigenen Sturheit verstanden werden sollte. Ich meine entdeckt zu haben: das Hin und Her der Gesellschaft, mich an andere Menschen zu binden, mich von anderen Menschen loszulösen, möchte das überwältigende Thema, der nicht zu schlichtende Widerspruch, sein, der zugleich theoretisch und praktisch die mir noch übrigen Jahre - oder vielleicht nur Monate - beherrscht. Ich erkenne die Formel, "das Hin und Her der Gesellschaft", als solche, als Formel, als symbolische Vertretung eines umfassenden Erlebnisbereiches der erst mit des Lesers eigenem Erleben wirklich und überzeugend wird. Theorie: Ich behaupte, dass Vergesellschaftung das Tor zur Objektivität ist, hingegen Vereinsamung und Verinnerlichung der Schlüssel zur Subjektivität. In sofern Erfahrung auch anderen Menschen zugängig ist und von ihnen "verstanden" wird, ist diese Erfahrung objektiv. In sofern Erleben nur mir selber, nicht aber anderen Menschen zugängig ist und nur von mir "verstanden" wird, ist dies Erleben subjektiv. Alles Erleben ist seiner Natur gemäß subjektiv. Wir Menschen vermögen jedoch nicht in Abgeschiedenheit zu leben. Wir Menschen sind körperlich und geistig unbedingt von Mitmenschen abhängig. Nicht nur meine physische Existenz, auch die seelische, meine Sprache und die mir notwendigen Künste sind Erzeugnisse des Zusammenlebens. Und dennoch erlebe ich mich von meinen Mitmenschen bedrängt und habe ein tiefes Bedürfnis allein zu sein. (Als man mich als Militärarzt nach Vietnam schicken wollte, hab ich, der ich an Depressionen litt, dem Stabspsychiater erklärt, ich könnte alle Anpsrüche des Soldatenlebens bewältigen, vorausgesetzt dass ich über ein Einzelzimmer verfügte. Daraufhin bescheinigte er meine Untauglichkeit zum Dienst.) Meine "philosophierenden" Bemühungen haben mich überzeugt, dass der Vergesellschaftungswiderspruch, das Ich-Wir Dilemma, das Schloss ist dahinter nicht nur die Geheimnisse meines Wissens - Wahrheit und Unwahrheit -, sondern zugleich die Geheimnisse meines Handelns - Tugend und Laster -, verborgen sind; haben mich überzeugt, dass es zu diesen Geheimnissen keine Schlüssel gibt, und keine Linderung anders als das Verstehen ihrer Unlösbarkeit. Praxis: Auf den Gebieten des Wissens, habe ich mich überzeugt, dass alle, die Geistes- sowohl als auch die Naturwissenschaften, Erscheinungen der Gesellschaft sind, in den Bereichen der Geschichte, dem Übereinkommen betreffs des Wahren und Unwahren, welches, da die Vergangenheit eine anderweitig unerreichbare Vorstellung ist, als "story", als Gedicht, als Erzählung, als Mythos verstanden werden muss; in den Bereichen der Physik, Chemie und anderer Naturwissenschaften, als formelle symbolische Schematisierungen, welche uns unsere tägliche Erfahrung, unsere Beobachtungen, "erklären", und somit unserem "Verständnis" zugänglich machen; zuletzt die Mathematik, als eine dem Gemüt zusagende gesellschaftliche Dressur, die uns so eindringend eingeimpft wird, dass sie als notwendig und natürlich erscheint. Auf den Gebieten des "Handelns", habe ich mich überzeugt, dass es einen "freien Willen" nicht gibt; dass wir aus unscheinbaren Gründen tun und lassen; dass wir in wesentlicher Hinsicht Herdentiere sind, deren Bewegungen,Handlungen, Gesinnungen von den Bewegungen, Handlungen und Gesinnnungen unserer Mitmenschen, unserer Mit-tiere bestimmt werden; dass wir dem Einzelnen die Ehre und die Schuld zuweisen weil er identifizierbar ist, anschaulich und intuitiv bestimmbar, indessen die Herde unübersichtlich ist und unbegrenzt erscheint. Diese Interpretation wirft ein völlig anderes Licht auf die Geschichte die uns erschrickt, ins Besondere auf den Holocaust und das fürchterliche Geschehen das uns noch heute so entsetzt und belastet. Von besonderem Interesse für mich ist das Licht welches die "Vergesellschaftung" in der Ethik auf die paradoxen Lehren im 53. Kapitel Jesaja wirft: 1 Aber wer glaubt unsrer Predigt, und wem wird der Arm des HERRN offenbart? 2 Denn er schoß auf vor ihm wie ein Reis und wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich. Er hatte keine Gestalt noch Schöne; wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte. 3 Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, daß man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet. 4 Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. 5 Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf daß wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. Der hier beschrieben wird als Bote Gottes, ist der aus der Gesellschaft verbannte Mensch, nicht mehr oder weniger schuldig als jeder andere, ein einzelner Mensch der auserlesen wird als Verbrecher, als "Sündenbock" die "Sünden" der Gesellschaft zu "tragen", d.h. sie zugleich zu verdecken und zu entfernen. Den anderen aber, welche als Herdentiere in die Gesellschaft eingegliedert sein müssen, ist die Sünde erspart, denn die Handlung, sei sie gut oder schlecht, ist durch ihr Zugehören zur Herde vorweg genommen. Die Verantwortung wird dem Sündenbock als Einzigem aufgeladen. Indem man ihn aus der Gesellschaft stößt bürdet man ihm die Schuld der Gesellschaft auf. Er wird als einziger als Missetäter geschwärzt; die Gesellschaft bleibt unbefleckt und rein. Wo es keinen freien Willen gibt, gibt es auch keine wirkliche Schuld. Die Unterschiede zwischen den drei Gekreuzigten sind nur scheinbar; denn nicht wer sie waren, sondern dass sie gekreuzigt wurden bestimmte ihr Schicksal. Lieber Herr Nielsen, was werden Sie nun sagen zu mir, zu meinem irrsinnigen Schreiben, und zu dem Wahnsinn dem es entspringt? Wie unterhält man sich mit einem Verrückten? Ich frage mich von Zeit zu Zeit ob nicht der Irrsinn als die endgültige Antwort auf alle "philosophischen" Fragen zu erkennen ist. Beweisen nicht die Staatsoberhäupter die Verrücktheit der Welt alltäglich aufs Neue? Und sieht nicht den Wahnsinn des Ichs jeder der in den Geistesspiegel blickt? Mit diesen Gedanken fragwürdigster Erbaulichkeit sende ich Ihnen beiden herzliche Grüße. Jochen Meyer