Keine Geige, nichts heute Abend, nur dieses Schreiben. Bitte regidiere, und lasse nichts unveraendert, was Dir entweder sprachlich oder aus Gruenden des Geschmacks peinlich ist, oder was Dir inhaltlich belanglos scheint. Ich habe Busch’s Kapiteln ueber Antonie Meyer und Elfriede Meyer gelesen. Manches braucht Korrektur. Das Schlimmste ist Antonie Gerson’s naïve Verleumdung, “Heinz, geb. am 7. Juni 1899 in Oerlinghausen, „war ganz wie der Vater, Arzt. Er emigrierte in die USA und konvertierte zum lutheranischen Protestantismus, glaube ich. Man bot ihm und seiner Familie eine abgelegene Berggegend im Süden an. Die Kongregation besorgte ihm, seiner Frau und seinen zwei Kindern ein Haus. Als er sich nach Jahren zur Ruhe setzte, beanspruchte er das Haus als Eigentum, verklagte die Kongregation vor Gericht und gewann! Wir hatten nie Kontakt mit ihm“, so Antonie Gerson.” Im anderen Zusammenhang koennte man diese Verzerrung der Geschichte als Ausdruck des Antisemitismus auslegen. Dein Vater waere empoert, und obgleich ich die Polyphonie dieser Arbeit anerkenne, wuerde ich Dr. Busch bitten, wenigstens eine Fussnote einzusetzen, die auf eine andere Variante der Sache mit dem Board weist. Das Gemeinde haben Mutti und Papa nicht verklagt. ========== Ich bin am 11 Dezember, 1956 im Krankenhaus der Kleinstadt Abingdon, Virginia geboren, und verbrachte die ersten sechs Lebensjahre in dem Nachbarort Damascus, wo mein Vater als Allgemeinpraktiker wirkte. Damascus liegt ungefaehr gleichabstaendig von Abingdon und von Konnarock, das arme Bergdorf wo meines Vaters Familie 1939 vor deutscher Verfolgung und New Yorker Entfremdung sich fluechtete. Jeden Sonntag Nachmittag fuhren meine Eltern und ich die 19 Kilometer schlaengelnder Bergstrasse zu den Grosseltern, und in dem Dunkel wieder nach Hause. (Auf einer dieser Rueckfaehrten, gerade da, wo sich die Virginia Landstrasse 600 und US 58 sich treffen, hoerten meine Eltern ungewoehnlicherweise Radio. Zu Hause gab es weder Radio noch Fernsehen. Ich weiss noch, wie meine Mutter meinen Vater fragte, ob er daechte, Goldwater koennte siegen. Ich war unsicher, ob Goldwater ein boeser Mensch oder ein drohendes Phaenomen der Natur sei.) In Damascus sprachen meine Eltern Englisch, die Muttersprache meiner Mutter, aber in Konnarock, in dem grauen von dem Board of American Missions of the Lutheran Church in America gebauten Aertzeschloss auf dem Huegel, wurde Deutsch gesprochen, und ich bin also anderthalbsprachig aufgewachsen. Ich spielte auf dem Perserteppich; Bachkantaten und Schubertlieder spielten auf dem Phonograph. Zum Abendessen wurde das Tisch immer mit gebuegeltem weissen Tuch bedeckt, und die ebenfalls gebuegelten Leinenservietten waren in silbernen Ringen zusammengerollt. Auf dem Serviettenring meiner Grossmutter stand “MM,” auf dem meiner Grossvater “HM,” in ihrer einzelnen Handschriften eingraviert; diese Ringe, erzaehlte mir meine Grossmutter, haette ihr Schwiegervater Joe Meyer verfertigen lassen. Der Aufgewachsenen Salat und mein Apfelmus wurde in Kristalltellern serviert. Wir benutzten das weisse Rosenthaler Geschirr, aber im Glasschrank standen zwischen den Roemerglaesern das ganz feine Fuerstenberger Teegeschirr, welches die Grosseltern 1924 von dem Direktor der Braunschweiger Filiale der Deutschen Bank als Hochzeitsgeschenk erhielten. Stolz sagte meine Grossmutter, dies sei dasselbe Muster, das von dem letzten Herzog von Braunschweig benutzt wurde. Meine Grossmutter war eine begeisterte und begeisternde Erzaehlerin, und ich war wahrscheinlich ihr bestes Publikum. Sie erzaehlte, wie sie und mein Grossvater 1934 in die Heide mit dem Wagen fuhren, um einen Mann zu treffen, der aus dem Graben aufstand, und der ihr ein Zettel gab, auf dem eine Nummer geschrieben war. Mit diesem Zettel erlang sie Eingang zum Berliner Innenministerium, wo sie das Erlaubnis zur aertzlichen Praxis zurueckeroberte, das von meinem Grossvater zurueckgezogen war, weil ein PG der Konkurrenz nicht erwachsen war. Sie erzaehlte mir wieder, was ein Kolleg meines Grossvaters ihr kurz davor erzaehlte habe: “Ich stehe vor dem Krankenhaus, und rauche meine Zigarette, und da kommt ein Krankenwagen. Vier SA Maenner springen heraus, und machen die Hintertuer auf, und tragen einen auf einer Bahre, so sorgsam, als sei er ihr liebster Kamerad. Ich sehe hin, und wen tragen sie? Den Heinz Meyer!” Mein Grossvater, der festgenommen worden war, und im Braunschweiger Stadtgefaengnis sass, hatte naemlich Brustschmerzen gelitten, ich nehme an ganz ehrliche, spontane, unironische Schmerzen im Herzen, und wurde deshalb ins Krankenhaus geliefert. Und irgendwann in dieser abendteuerlichen Geschichte, die Mutti (so nannte ich die Grossmutter) mir am Kuechentisch erzaehlte, als die Sonne hinter den westlichen Bergen verschwand, erschien Papa (der Grossvater) in der Tuer, und sie verstummte, denn sie wusste, dass diese Erinnerungen, die sie so bezauberte, noch sehr schwer auf ihm lag, und dass er nicht hoeren wollte, wie sie eine Geschichte der Rettung daraus erdichtete. Januar 1962 zogen meine Eltern und ich nach Belmont, Massachusetts, ein Vorort von Boston, westlich von Cambridge. Meine Eltern wollten nicht, das ich in den kuemmerlichen staatlichen Schulen der Appalachia ausgebildet sei, wollten mich auch nicht ins Internat schicken. Wir wohnten vier Monate in einem gemietenen Haus, und zogen dann in die School Street. Seit Mai 1962, abgesehen von den ersten acht Semestern an der Universitaet, wohne ich in derselben Strasse. Ich besuchte erst Cambridge Friends Schook, eine Quaeker Schule, danach die staatlichen Schulen in Belmont. Mein Vater versuchte immer wieder, mir Deutsch beizubringen. Als wir noch in Damascus wohnten, und ich gerade erst lesen konnte, habe ich Rilke’s Herbsttag, aus dem Buch der Bilder, auswendig gelernt. Ich hoerte gern die Platten der deutschen Kindergesaenge, die er fuer mich kaufte. Als ich aelter wurde, hoerte ich die sechs Baende der Studenten und Volksgesaenge, von dem Wiener Bariton Erich Kunz fuer die Plattenfirme Vanguard aufgenommen. Von Kunz habe ich Die Lorelei, Die beiden Grenadiere, Im Krug zum gruenen Kranze, Das Frankenlied, das Eisenbarthlied, Im schwarzen Walfisch zu Askalon, aber auch das Landesvaterlied und das Moorsoldatenlied gelernt. Wie oft haben mein Vater und ich, waehrend wir mit meiner Mutter die 1345 Kilometer zwischen Belmont und Konnarock fuhren, diese Studentenlieder, Die Winterreise, oder Arien und Choraele aus den Kantaten, aus dem Matthaeuspassion und dem Weihnachtsoratorium gesungen. Das Landesvaterlied und das Moorsoldatenlied haben wir nicht gesungen: “zu frueh” wuerden meine Kinder sagen, aber manchmal, als ich aelter war, hat mein Vater laechelnd, aus reinem Enthusiasmus fuer die Musik der Sprache, die heutzutage ueberholten und des Anstands halber lieber vergessenen ersten zwei Strophen des Deutschlandsliedes gesungen. Spaeter, in der Zeit der Achtspurtonbandkassetten, das heisst in den spaeten 60er und fruehen 70er Jahren, hoerten wir im Wagen die Aufnahmen, die mein Vater selbst von Faust I und von den Oden und Hymnen Hoerlderlins gemacht. Aber Zuhoeren und Mitsingen bringt man nur so weit, und ab und zu versuchte mein Vater mich zu zwingen, Deutsch zu sprechen. Also kam es, das ich schrie, als er mich als Sechs- oder vielleicht Siebenjaehrigen an einem rauhen, grauen Fruehlingstag in die eiskalte Brandung an der Easthamer Coast Guard Beach trug, damit das Schwimmen lernte “Let me go: I’ll do anything. I’ll even learn German.” Am Gymnasium habe ich endlich Deutsch studiert, habe die Grammatik gelernt, und habe richtig angefangen Deutsch zu lesen. An der Harvard Universitaet studierte ich Geschichte und Literatur, wie mein Vater, aber am Gymnasium hatte ich mich fuer die Russische Sprache, Geschichte und Kultur interessiert, nicht aus irgendeinem sehr guten Grunde, sondern weil meine Mitschuelern sich dafuer interressierten. Also habe ich die Geschichte und Literatur des modernen Deutschlands und Russlands studiert. Einer meiner Komilitonen sagte mir, das umfasse vielleicht 15 Minuten demokratischer im letzten hundert Jahren; fuer mich aber war die Geschichte nur die Buehne fuer die Literatur. Ich dachte erst, ich wollte Vergleichende Literatur studieren, und Professor werden, aber ich habe schnell die Lust daran verloren, und bin doch Arzt geworden. Ich studierte Medizin sowohl wie Geschichte und Literatur an der Harvard Universitaet, hatte aber die richtigen Talente nicht, mir eine Stellung an einem der Harvard Krankenhaeusern zu erwerben. Ich landete bei der Tufts Universitaet, wo eigentlich viele deutsche Emigrantenaerzte sich in den 40er Jahren sich auch gefunden haben, weil Harvard entweder ihre Ausbildung oder ihre Abstammung ungenuegend fand. Ich arbeite seit 1982 an Tufts Medical Center, frueher New England Medical Center, wo ich meine kuenftige Frau getroffen habe, und wo ich seit 1992 die Dialysestation leite. Meine Grosseltern waeren stolz gewesen, dass ich Professor geworden bin. Ich versuche meine Patienten so zu betreuen, wie es mein Vater und Grossvater mir beigebracht haben. Mein eigener Stolz ist, dass die Krankenpfleger mir sagen, ich duerfe mich nicht in Ruhestand setzen, weil sie selbst eines Tages vielleicht Behandlung von einem Nephrologen beduerfen. Klemens B. Meyer, MD Director of Dialysis Services, Tufts Medical Center Professor of Medicine, Tufts University School of Medicine 617-636-9421 (direct) 617-636-0563 (assistant) 617-636-4234 # 1795 (page) 617-549-5539 (mobile) 617-636-2369 (patient care fax) 617-977-0940 (other fax) 617-489-2060 (home) www.tufts-kidney.org cid:image001.jpg@01CD7A0D.58447F60 The information in this e-mail is intended only for the person to whom it is addressed. If you believe this e-mail was sent to you in error and the e-mail contains patient information, please contact the Tufts Medical Center HIPAA Hotline at (617) 636-4422. If the e-mail was sent to you in error but does not contain patient information, contact the sender and properly dispose of the e-mail. 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