Lieber Herr Kollege Busch, Vielen Dank für Ihren Brief mit den so zahlreichen autobiographischen Mitteilungen die mir Ihre leidenschaftlichen Bemühungen um die Menschheit veranschaulichen, und mich doppelt beschämen, erstens dass ich in egoistischer Weise nur mein eigenes Erleben zu verstehen versuche, und zweitens dass die Bücher die ich schreibe von keinem außer mir selber veröffentlicht werden, und von keinem gelesen, geschweige denn wie die Ihren in verschiedene Sprachen übersetzt werden. Über den zwischen uns umstrittenen Jesaja Text, erlauben Sie mir abschließend zu bemerken, dass die Kirchendeutung als Prophezeiung folgewidrig ist wenn sie den Christus verheiligt ohne ihn als göttlichen Verbrecher oder als verbrecherischen Gott zu erkennen und ihn stattdessen missbraucht die nimmer- endenden Verbrechen unserer Regierungen zu vertuschen oder zu rechtfertigen. Wenn ich Ihnen im Sinne Jesajas die Aufgabe stellte, sich das schrecklichste, böseste, verachtenswerteste menschenähnliche Wesen vor Augen zu führen, es mit Namen wie etwa Julius Streicher oder Heinrich Himmler zu nennen und mit dem Hakenkreuz zu kennzeichnen, und dann zu sagen: Dies ist das Göttliche, denn es ist Ihnen von Gott gesandt, - Sie würden diesen Brief in den Abfalleimer werfen und nie wieder etwas mit mir zu tun haben wollen. Wo bliebe dann der Holocaust? Deshalb will diese Herausforderung zurückziehen und mich gutbürgerlich benehmen! Weiteres zu Antonie Gersons von Ihnen zitierte Klage gegen meinen Großvater Joe Meyer: „Ihn mochte niemand, besonders wir Kinder nicht. Er klagte ständig vor Gericht, kämpfte mit Anwälten und war eine sehr dominante Person. Außerdem borgte er sich ständig Geld von der Familie und zahlte mit vollständig abgewertetem Geld zurück. Ich erinnere mich, daß mein Vater lachte und mich rausschickte, um mit dem Geld schnell ein paar Lebensmittel zu kaufen, weil die Preise während der Inflation 1923 täglich stiegen.“ Kinder haben kein Urteil. Antonies und ihrer Gespielen Antipatie gegen ihren Onkel oder Großonkel war ihnen von ihren Eltern eingeflüstert. Denn Kinder haben keine Vorstellung was es bedeutet Dauernd vorm Gericht zu sein, oder mit Anwälten zu kämpfen. Auch ich habe dergleichen Bemühungen einen beträchtlichen Teil meines Lebens gewidmet. (Es bedürfte mehr als einen Band davon zu berichten.) Auch ich war und bin "eine sehr dominante Person." Mein Zeuge ist mein Schwager, der mir vor vier Tagen schrieb: "I don't think you really respect me. But on the other hand I don't think you respect most people - or perhaps any people." Auch mir wird regelmäßig gesagt: "Dich mag niemand." Ich bin Ihnen und Antonie Gerson dankbar, mich endlich in die Familie meines schwierigen, unglücklichen Großvaters eingebürgert zu haben. Auch die Schuld für die zermürbende Inflation von 1923, die vielleicht Henry Cabot Lodge und seinen Kollegen gebührt, wird meinem Großvater aufgelastet. Dass er Geldsorgen hatte ist mir bekannt; er ist zwei Mal in Konkurs gegangen. Er wurde gezwungen das prächtige spätere Rathaus, Detmolderstrasse 1, das er mit Elfriede, Ernst Joachim und Fritz bewohnte, und in dem Heinz geboren wurde, zu verkaufen. Dass er Geld von seinem mehr wohlhabenden Arztbruder Max geborgt hat, kann ich mir vorstellen; dass es ihm an Geld mangelte, mehr als das entwertete Geld das er geborgt hatte zurückzubezahlen, ist auch wahrscheinlich. Zu entscheiden, ob er deswegen ein "schlechter" Mensch war, "schlechter" als seine Verächter, überlasse ich einem anderen Richter. Lieber Herr Kollege, Rilke hat die Einsamkeit beschrieben: Die Einsamkeit ist wie ein Regen. Sie steigt vom Meer den Abenden entgegen; von Ebenen, die fern sind und entlegen, geht sie zum Himmel, der sie immer hat. Und erst vom Himmel fällt sie auf die Stadt. Regnet hernieder in den Zwitterstunden, wenn sich nach Morgen wenden alle Gassen und wenn die Leiber, welche nichts gefunden, enttäuscht und traurig von einander lassen; und wenn die Menschen, die einander hassen, in einem Bett zusammen schlafen müssen: dann geht die Einsamkeit mit den Flüssen... Die Einsamkeiten der Menschen von denen Sie erzählen, sind die Gespenster die Ihre Bemühungen bedrohen. Ich wünsche sehr, dass ich, indem ich darauf aufmerksam mache, Ihre Bemühungen nicht erschwere; bilde mir ein Ihnen vielleicht mit der Darstellung dieses eigentlichen literarischen Problems bei dessen Lösung behilflich zu sein. Allenfalls bitte ich Sie um Entschuldigung es auszusprechen: Alle Familien leiden mehr oder minder an verhüllten Feindseligkeiten. Die ungetrübte Liebe, wenn sie erscheint, ist ein heiliges Wunder. Das Leben zu beschreiben wie Sie es erkennen, ohne zu kränken und zu beleidigen, ist die große Aufgabe die Sie sich gestellt haben. Ich vermag Ihnen jedenfalls insofern zu helfen, dass ich, als "eine sehr dominante Person" für mich und meine Familie nicht beleidigt bin. Einige Ergänzungen und Berichtigungen zu Ihrem Text: Das Datum von meines Vaters Entlassung von Buchenwald ist umstritten. Laut der Stolpersteinforscher ist der 15. November 1938 als Entlassungsdatum im Weimarer Buchenwaldarchiv eingetragen. Im Anhang, eine Postkarte vom 19. November beweist den Irrtum. Der früheste Geliebte meiner Mutter, der Literaturhistoriker der an Tuberkulose starb hieß Hans Georg Schick, und war ein jüngerer Bruder von Ella (Schick) Jahn. Die "Arie" die ich in Erinnerung habe als ich mit meinem Vater am Fallerslebertor auf die Humboldtstrasse fuhr war das Arioso aus der Matthäuspassion das er am meisten liebte: "Ich werde von nun an nicht mehr von diesem Gewächs des Weinstocks trinken, bis an den Tag, da ich's neu trinken werde in meines Vaters Reich." Ich habe keine Einwände gegen die dichterische Freiheit die Sie sich nehmen mir Sachen zu zuschreiben die ich nicht geschrieben habe, möchte jedoch auf verschiedene Ungereimtheiten hinweisen: Nach meines Vaters Auswanderung: 1) war der Besuch von Theater und Konzerten u.s.w. meiner arischen Mutter mit ihren halbjüdischen Kindern nicht verboten. Sie berichten ja selbst von der Wilhelm Tell Aufführung. 2) bestand keine Gefahr der Obdachlosigkeit, denn meiner Mutter wurde kein Mietschutz entzogen. 3) Der Entzug seines Kraftfahrzeugführerscheins 2 oder 3 Tage vor seiner Auswanderung, war belanglos. Bitte betrachten Sie diese unwesentlichen Berichtigungen nicht als Schmälerung meiner Anerkennung und Dankbarkeit für Ihre Mühen. Mit freundlichen Grüßen, Jochen Meyer