Lieber Herr Kollege Busch, Herzlichen Dank für die Übersendung Ihrer verständnisvollen Schilderung der Geschichte meiner Familie. Zum ersten Mal seit Jahren spürte ich Tränen auf den Wangen. Ich wischte sie mit dem Handrücken ab. Leinene Taschentücher gibts in der heutigen Welt nicht mehr. Ich möchte Ihnen behilflich sein, indem ich auf die Verwechslungen des Namens meines Enkels in ihrem Text hinweise, nicht Daniel oder Nathan sondern ein und für alle Mal Nathaniel. Mein Vater, als "Volljude" war der Stein des Anstoßes für die Nazis; gegen meine Mutter, eine offenbar intelligente, anmutige 40 jährige "arische" Frau, hatten sie nichts einzuwenden, wenn sie sich nur von ihrem Ehemann scheiden ließe; betreffs uns "halb-jüdischen", 8, bezw. 10 Jahre alten Kindern, hatten die Nazis damals noch nicht entschieden, dass sie uns ermorden würden, - das kam erst zwei oder drei Jahre später. Unmittelbar nach mein Vaters Emigration, waren, wenn ich es recht verstehe, meine Schwester und ich gefährdet nur in geringem Maße; unsere Mutter überhaupt nicht. Antonie Gersons von Ihnen zitierte Klage gegen meinen Großvater Joe Meyer: „Ihn mochte niemand, besonders wir Kinder nicht. Er klagte ständig vor Gericht, kämpfte mit Anwälten und war eine sehr dominante Person. Außerdem borgte er sich ständig Geld von der Familie und zahlte mit vollständig abgewertetem Geld zurück. Ich erinnere mich, daß mein Vater lachte und mich rausschickte, um mit dem Geld schnell ein paar Lebensmittel zu kaufen, weil die Preise während der Inflation 1923 täglich stiegen.“ bestätigt mir meine Zugehörigkeit zu meiner Familie, denn die Worte: "Ihn mochte niemand," sind auch auf mich gemünzt. Vor drei Tagen erhielt ich einen Brief von dem Bruder meiner verstorbenen Frau, mit dem ich seit zweiundsiebzig Jahren in freundschaftlicher Verbindung stehe. Der klagte mich an: "I don't think you really respect me. But on the other hand I don't think you respect most people - or perhaps any people." Nun sehe ich, infolge von Antonies Kritik, nicht mich selber, aber meinen zugegeben jähzornigen Großvater als eine tragische Gestalt, auch in Beziehung zu Elfriede und in Beziehung zu seinen drei Söhnen, und nun tröste ich mich für meinen Großvater mit meinem Lieblingszitat aus dem Buch Jesaja 53: 1 Aber wer glaubt unsrer Predigt, und wem wird der Arm des HERRN offenbart? 2 Denn er schoß auf vor ihm wie ein Reis und wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich. Er hatte keine Gestalt noch Schöne; wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte. 3 Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, daß man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet. 4 Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. 5 Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf daß wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. Und mit diesem Bibeltext ist auch Ihr Frage betreffs meiner Beziehung zum Judentum beantwortet, diese Beziehung ist nichts mehr und nichts weniger als dieses Zitat jenen die es verstehen, besagt. Sie fragen nach meinem Lebenslauf. Der äußere ist einfach und schnell geschildert; dem inneren nachzuspüren ist mit Ihrem Vorhaben die zahlreichen Rosenthal Erben zu erforschen unvereinbar. Von außen gesehen geht das Leben schnell und unbeschwerlich vorbei: Ankunft in New York am 31. März 1939, 1. April 1939, bis Anfang September 1939, Pflegekind von Donald uns Sara Flanders, in Chappaqua NY und Canaan NY, http://home.earthlink.net/~ernstmeyer/notes/Flanders.html Die Flanders Loyalitäts Verhandlungen sind im Internet erloschen, verfügbar aber an meinem Netzort unter: 12. Romane, Aufsaetze und Briefe September 1939 bis 14. Oktober 1939, wohnhaft mit den Eltern in einer zwei Zimmer Wohnung am Columbus Circle, New York. 13. Oktober 1939, Anwesenheit beim Eröffnen des ertränkten Liftvan auf Staten Island 15. Oktober 1939 Umzug nach Konnarock, Virginia. Oktober 1939 bis September 1942 wohnhaft im Elternhaus in Konnarock September 1942 bis Dezember 1942, Schulung in Germantown Friends School, Philadelphia, Pflegeeltern Gruber (Vorname vergessen) Januar 1943 bis September 1945, wohnhaft im Elternhaus in Konnarock. September 1945 bis Juni 1946, Schuljahr Germantown Friends School, Philadelphia. Juni 1946 High School Graduation, (Abitur) Germantown Friends School September 1946 bis Juni 1949, Literatur, Geschichte und Philosophie Studium, Harvard College, Juni 1949, Baccalaureus Artium Magna cum Laude, Harvard College September 1949 bis Juni 1950, Studium Vergleichende Literaturgeschichte, Harvard University Graduate School of Arts and Sciences Juni 1950, Magister Artium Vergleichende Literaturgeschichte. 8. März 1952 Vermählung mit Margaret McPhedran September 1950 bis Juni 1954, Medizin Studium Harvard Medical School, Juni 1954 M.D. (Doctor of Medicine) 1954-1955 Praktisches Jahr, Internship Pennsylvania Hospital, Philadelphia 1955-1956 Special Auditor, Department of Philosophy, Harvard University. 11. Dezember 1956, Geburt des Sohnes Klemens Benjamin Meyer 1956-1961 Medizinische Allgemein Praxis, Konnarock und Damascus Virginia 1962-1965 Spezialausbildung als Augenartz, Massachusetts Eye and Ear Infirmary, Boston, MA 1966 Spezialausbildung Glaukom Massachusetts Eye and Ear Infirmary, Boston, MA 1967-1999 Praxis als Augenarzt Cambridge Massachusetts 2000-2017 Praxis als Augenarzt Belmont Massachusetts 14. Oktober 2015 Tod der Ehefrau Soweit das Außen. Was indessen in meinem Gemüt vor sich ging ist in tausenden von Schriftseiten und Briefen, bisher nur zum Teil im Druck und am Netzort veröffentlicht. Der Kern meiner Tätigkeit ist ein "philosophisches" Bestreben Kierkegaards Behauptung (in der Unwissenschaftlichen Nachschrift) die Subjektivität sei die Wahrheit, in den verschiedensten Bereichen der Naturwissenschaften und der Geisteswissenschaften zu prüfen. Anfangs in formalen Aufsätzen, in beiden Sprachen, an meinem Netzort unter: 12. Romane, Aufsaetze und Briefe, dann in Gesprächen erdichteter Personen in meinen Romanen. Mit der Tatsache, dass es für mich keine Leser gibt, und dass ich letzten Endes nur zur eigenen Genugtuung schreibe, habe ich mich längst abgefunden. Weitere Informationen und Photographien um die Sie baten in künftigen e-mails. Inzwischen meine herzlichen Grüße, und nochmals Dank für Ihre Bemühungen. Jochen Meyer