19510603Jd Philadelphia, am 5. Juni 1951 Lieber Papa, liebe Mutti, liebe Margrit, Soeben habe ich eine halbe Stunde lang in der Badewanne gelegen und über alles nachgedacht, dass ich euch zu schreiben habe. Es ist aber wahrhaftig zu viel um in einem Brief berichtet zu werden, und darum will ich gar nicht versuchen alles aufzuzählen was in den letzten vier Wochen passiert ist, sondern nur das wichtigste. Es ist schade, dass die Telefonverbindung gestern Abend wieder so schlecht war. Mir schien, ihr ward sehr abgearbeitet und müde, und ein wenig enttäuscht, – oder rede ich mir das ein? Jedenfalls habe ich mir den ganzen Weg nach Philadelphia Sorgen um euch gemacht. Ich habe mich gefragt, ob ihr mich wohl nötig habt im Augenblick, und ob ich es nicht irgendwie einrichten sollte, bald nach Hause zu kommen. Ich werde in dieser Woche noch einmal mit Margaret nach New York fahren um die letzten ihrer Bücher und Kleider abzuholen. Wie wenig mir dies Unternehmen behagt, könnt ihr euch vorstellen, aber sie hat sonst niemanden der ihr dabei hilft, und es ist auch passend, dass ich es bin, der ihr bei dem Auszug aus jener stinkenden Dreckhöhle behilflich ist. Ich kann nur bis Sonntag hier bleiben, weil Alex dann mit seiner Freundin ankommt, denn ich weiß, wie unangenehm meine Anwesenheit ihm sein würde. Denn er versucht das vorzustellen was ich bin; und seine Freundin möchte nun wissen, – und hat mich danach gefragt, – ob das was ihr zu sein scheint, sein eigenes Wesen wäre. Ihr versteht, warum ich nicht länger als Sonntag bleiben kann. Margaret und ich könnten also Ende der Woche nach Konnarock kommen, aber ich muss sobald wie möglich und nicht nach dem 1. Juli, meine Sachen aus der Wohnung schaffen, und wenn ich für Viëtor arbeiten soll, muss sich vor dem 27. mit ihm sprechen. Er geht dann in Ferien. Ich müsste also auf alle Fälle noch einmal nach Cambridge zurück. Weil die langen Fahrten mich aber so anstrengen, und verhältnismäßig teuer sind, hatte ich folgendes vor: ich fahre Sonntag nach Cambridge, verpacke meine Sachen und suche mir ein Zimmer, und fange sofort ein für Viëtor zu arbeiten. Ich muss sagen, dass mir im Augenblick an dem Gelde liegt, denn ich musste in den letzten Tagen mehr Geld ausgeben als mir lieb war, nicht für ungewöhnliches, aber das alltägliche ist so teuer. Meine Wäsche, das Reinigen, Schuhe mussten besohlt werden, der Wagen abgeschmiert und das Öl gewechselt, und fürs Essen habe ich viel mehr als gewöhnlich ausgegeben, weil ich fürchtete, vor den Examen noch krank zu werden. Außerdem möchte ich, wie immer, mir ein paar Bücher kaufen. Ihr versteht also warum ich Geld verdienen möchte. Ich gedenke nur so lange in Cambridge zu bleiben, bis meine Arbeit für Viëtor gut im Gange ist, so das ich mir die nötigen Bücher von der Bibliothek besorgen kann und die Arbeit für den Rest des Sommers in Konnarock fortsetzen. Ende Juli, oder Anfang August dachte ich mit Margaret nach Konnarock zu kommen, wo ich dann bis Ende September bleiben möchte. Ich glaube das wäre für mich das Beste, denn ihr wisst wie sehr lieb mir Ruhe ist, und wie ungern ich von einem Platz zum andere gehe, und wie unruhig ich bin wenn ich mich nicht intensiv mit einer mir notwendigen Arbeit verfassen kann. Wenn ihr aber möchtet dass Margaret und ich jetzt gleich kommen, dann lasst es mich bitte vor Sonnabend durch einen Brief oder durch ein Telegramm wissen. Ihr versteht das ihr mir im Augenblick am wichtigsten seid, und dass ich vor allem das tun möchte was es für euch leichter macht. Aber nun zur Sache. Ich war 10 Minuten zu früh am Church House, und Gerberding empfing mich mit einem sehr formellen ''Better too early than too late'' wie er sich freute mich kennen zu lernen, und dergleichen Höflichkeiten mehr. Kirsch erschien kurz darauf mit einem Block Papier und Bleistift und machte Notizen. Er legte großen Wert auf die freundschaftlichen Beziehung zwischen uns, und er nannte mich durchweg mit Vornamen, mehr als eigentlich nötig gewesen wäre. Zuerst über meine Ausbildung. Warum ich Medizin statt Literatur studierte; wann ich fertig sein würde. Ich betonte, dass ich nach einem Jahr Internship meine Ausbildung nur als vorläufig beschlossen betrachten könnte. Wir sprachen über den medizinischen Beruf als Inkarnation. Das Göttlich-geistige „erniedrigt“ sich zum körperlich Menschlichen. Kirsch erzählte ohne Übergang von dem weiblichen Mitglied des Boards das versucht hätte bei Eis und Schnee in die Ortschaft zu gehen, Kirsch meinte man hätte das nicht erlauben sollen. Nun aber meint jene Dame es sei auch in eurem Interesse besser das Haus anderswo zu bauen. Die Angelegenheit sei noch nicht entschieden. Ich bemerkte dass dies Thema, eigentlich mit unserem Problem nichts zu tun habe, wollte aber doch dazu Stellung nehmen, weil ich nun eben nicht anders könnte als ihnen meine Ansicht zu sagen: Erstens. Sagte ich, dass auch wir uns reichlich Gedanken über die Richtigkeit dieses Bauplatzes gemacht hätten. Dass es aber euer endgültiger Wunsch wäre, so viel ich wüsste. Zweitens: dass ihr niemals verlangt oder erwartet hättet, dass man euch ein Haus baute. Ich finde das etwas sehr ausgefallenes, und ich persönlich würde jedem Recht geben, der meinte dass die Kirche ihr Geld viel lieber zum Beispiel für die Menschen die in Indien verhungerten ausgeben sollte. Drittens: dass wenn sie aber ein Haus für euch bauen wollten, sie es so bauten, wie ihr es für richtig hielt, wenn sie aber ein „Real Estate Investment“ suchten, sie Geld sicherlich besser in der Stadt anlegen könnten. Ich sagte dieses als meine Ansicht, nicht als eure, ich schlug vor man sollte das Thema ändern, aber Gerberding wollte noch mehr hören. Viertens; Sie möchten doch bitte einmal an euch denken, wie schwer die Arbeit für euch sei, und wie viel unnötig schwerer sie durch solche Dinge gemacht würde. Ihr wäret innerlich freie und unabhängige Menschen, und es schmerzte euch zu empfinden dass etwas worauf ihr euch so gefreut hättet nur von der Willkür eines einzigen Boardmitgliedes abhinge. Fünftens: Sie sollten wissen, dass Papa sich hätte selbst ein Haus bauen können, wenn er nicht in Konnarock gearbeitet hätte, dass er aber nicht in Konnarock gearbeitet hätte weil er gehofft hätte oder gar erwartet ein Haus geschenkt zu kriegen. Das Papa zwar immer betonte, der Wert seiner Arbeit läge in der Kirche, wärend seine Familie wüsste, der Wert seiner Arbeit läge in ihm. Dass Papa geistig und seelisch in der Lage gewesen wäre seine Arbeit ohne die Kirche zu tun, dass er sich freiwillig an etwas gebunden hätte, was ihm gar nicht notwendig war. (Alles dies dachte ich als meine Ansicht.) Sechstens: Wie sehr Papa sich über das geplante Haus gefreut hatte, als ein Ausdruck dass das Board verstände, dass er das Beste seines Wesens in diese Arbeit gelegt hätte. Wie traurig es ihn machte zu fühlen, dass dies wohl doch nicht so anerkannt würde, dass nicht der Einklang zwischen ihm und dem Board wäre den er sich gewünscht hat. Siebtens: Sie müssten bedenken dass Ihr nicht wissen könntet, wie die Situation wäre. Ich verstände zwar, wie eine einzige Dame, eine solche Angelegenheit hemmen könnte, aber ihr wüsstet oft nicht was ihr denken solltef. Sie möchten bitte bei ihren Überlegungen sich darüber bewusst sein, wie viel die Ansichten „einer einzigen Dame „euer Leben und eure Arbeit erschweren könnten. Nebenbei bemerkte ich, dass auch gerade dieses mein Bedenken sei, dass ich schon lange erwägt hätte in Konnarock zu arbeiten, aber immer wieder davon abgeschreckt worden sei das sich aber neuerdings keine Angst mehr hätte und zufällig wäre zuversichtlich wäre keine Angst mehr hätte, und zuversichtlich wäre, die Probleme lösen zu können, wenn sie sich stellten. Gerberding und Kirsch entschuldigten sich. Sie hätten meine Ausführungen nicht übel genommen. Ich war sehr höflich und bescheiden in meiner Art gewesen. Sie bedankten sich, dass ich Ihnen diesen Einblick in die Sitte Situation gegeben hatte. Gerberding sagte, wenn er zu entscheiden hätte, käme das Haus auf den Berg, Kirsch betonte, dass sie nur Executive Officers wären, aber selbst nichts zu entscheiden hätten. Herr Kirsch bedauerte das demokratische Verfahren, wie schwierig es sei, die Board Mitglieder zu überreden. Man arbeitete sechs Jahre lang., Sie so weit zu haben dass sie die Probleme richtig sehen, und dann würden andere neue unvollständige gewählt, die die Probleme nicht übersehen könnten. Gerberdeng meinte, dass vielleicht durch das neue Licht dass meine Ausführungen auf das Problem geworfen hätten das Haus dorthin gebaut würde wo ihr es haben wolltet. Die Anerkennung für Papas Arbeit und Wesen wurde immer und immer wieder betont. Papa sollte überhaupt bald wieder zum Board Meeting kommen und es beeindrucken. Die neuen Mitglieder kennten ihn noch nicht. Ich schreibe nun fast 3 Stunden lang an diesem Briefe. Die Einzelheiten der weiteren Unterhaltung will ich mündlich berichten. Wir sprachen über philosophische Fragen, – über den Wert des Leidens, – Gerberding kennt ihn nicht, über Kierkegaard, Gerberding mag ihn nicht, über Theologie, Gerberding findet Medizin viel wichtiger, über Martyrertum, Gerberding has no use for it. Wir sprachen von dem von den Schwierigkeiten in der Organisation. Ich erwähnte Miss Ponwith, Miss Twedten, Miss Umberger. Gerberding sagte er könne nichts darüber sagen, es wäre vor seiner Zeit. Kirsch fühlte sich betroffen, erzählte von vom Bull in the china shop, der alles zerbraeche, – And now we have to pick up the pieces.“ Gerberding meinte es wäre gut das euer christlicher Glaube über alle Schwierigkeiten gesiegt hätte. Nicht der, meinte ich, sondern Kirschs Verständnis hätte am meisten geholfen. Wir hätten in den ersten fünf Jahren unseren Kalender nach Kirschs kommen gerechnet. Gerberding war gerührt. Sagte zu Kirsch, was für einen schönen Satz ich da über ihn gesagt hätte. Ich betonte immer wieder, dass ich sie nicht enttäuschen wollte, – das würde ich auch nicht meinte Gerberding, dass ich ganz offen mit ihnen sein wollte, – das wollte auch Gerberding, – ob ich jetzt schon einen Kontrakt haben wollte. Nein, ich liebte nicht Pläne zu weit im Voraus, würde mich aber gegen ein Statement of Intention nicht wehren. Und meine Intention würde dieselbe bleiben, solange sich die Situation nicht änderte. Beide Kirsch und Gerberding drückten ihre unbeschränkte Zufriedenheit mit der Besprechung aus, bedauerten die Unkosten und werden sie ersetzen. In Summa: ich meine ihr habt Gerberding ein wenig überschätzt. Er ist kein Philosoph, und auch seine Gedankenwelt hat ihre Grenzen. Er ist intelligent, vielleicht auch klug, freundlich und ehrlich, aber nicht so gutmütig und gutgläubig wie Kirsch. Im Grunde liegt ihm das praktische mehr als das seelische. Er ist Weltmensch, nicht geistlicher, nur ein geschickter „Exekutive.“ Er bewundert in mir eine einen Idealismus, den er selbst nicht hat, und das ist nicht ungefährlich, denn auch diese Bewunderung hat ihre Grenzen, und wird meines Erachtens immer von den praktischen Forderungen des Augenblicks überschattet werden. Kirsch kennt ihr ja. Er wird alt, und seine Ausführungen sind nicht logisch noch zielbewusst. Das Einzelne kann er nicht bewältigen, das Gesamte interessiert ihn nun. „Der Glaube siegt, die Taube fliegt.“ Gerberding ist sein Vorgesetzter, und nicht sein Glaube an die Menschen, sondern Gerberdings praktische Vernunft ist maßgebend. Das sind meine Eindrücke. Ich weiß das ich manches gesagt habe was ihr nicht gesagt hättet. Ich habe immer meine eigene, nie eure Ansichten gesagt. Ich hatte mir vorgenommen gar nichts zu sagen, und habe als die Besprechung sich entwickelte meine Ansicht geändert. Ich glaube dass nichts, was ich gesagt habe euch irgendwie schaden wird. Im Gegenteil. Vielleicht habe ich nicht alles gesagt in der Form die ihr gewählt hättet, aber ich habe alles, glaube ich in eurem Sinne gesagt. Und ich bin nun so alt, dass die Ausdrucksform meine eigene sein muss, und ich glaube sie hat einen guten Eindruck gemacht. Ich hoffe, ihr seid nicht traurig über mich. Übermorgen ist Papas Geburtstag. Ich wünsche ich könnte Zuhause sein. Ein Geschenk habe ich nicht, denn dass ihr Fidelio nicht mögt hätte ich euch im Voraus sagen können. Heute Abend will ich aber für Papa die neue Gesamtausgabe von Goethes Werken bestellen. Ich hatte vorher nicht Zeit dazu. Vielleicht freut er sich auch ein wenig über meine Ausführungen in New York. Dann sollten sie mein Geburtstagsgeschenk für ihn sein. Bleibt gesund, arbeitet nicht zu viel, und schreibt mir, wenn ihr Gelegenheit habt, – ich denke viel an euch und nehme euch in Gedanken in den Arm. Euer Jochen * * * * * *