Lieber Herr Nielsen, Dank für Ihren Brief. Besonderen Dank für Ihre Deutung von Hölderlins Abendphantasie. Diese Ihre Deutung wird nunmehr für mich ein von dem Gedicht unabtrennbarer Kommentar. Ich glaube nicht dass Hölderlin als er sein Gedicht mit der Zeile beschloss: "Friedlich und heiter ist dann das Alter." das Alter selbst erlebt hatte. Vielleicht hat sein Wahnsinn ihm dies Erleben erspart. Man muss alt werden, man muss alt sein, um das Alter zu begreifen. Ich lächele über die dreißig jährige Gerontologin die sich anstellt mir das Alter annehmbar zu machen, oder gar mich vom Alter zu heilen. Dennoch scheint es mir, dass Hölderlin wahrsagte als er uns Alten Frieden und Heiterkeit versprach, denn Heiterkeit ist Merkmal entweder der Unempfindsamkeit oder des Wahnsinns. Ein ehrlicher nüchterner verständiger Mensch vermag nicht heiter zu sein. Alt werden aber heißt unvermeidlich einem höheren als dem gewöhnlichen Wahnsinn und somit einer heiligen Heiterkeit anheimzufallen. Und der Frieden des Alters entblüht der Vergesslichkeit, die anders als beim Abschied: Reich die Schale mir selbst, daß ich des rettenden Heilgen Giftes genug, daß ich des Lethetranks Mit dir trinke, daß alles Haß und Liebe vergessen sei! Hingehn will ich. Vielleicht seh' ich in langer Zeit Diotima! dich hier. Aber verblutet ist Dann das Wünschen und friedlich Gleich den Seligen, fremde gehn nunmehr als gnädige Gabe der Natur, keines Lethetranks mehr bedarf. Mir fällt auf, dass die Vergesslichkeit des Alters sich nicht nur auf Benennungen, nicht nur auf Tatsachen beschränkt, - wie zum Beispiel dass ich mich auf die Vornamen Ihrer nebenan wohnenden Schwiegertochter und auf die Namen Ihrer Enkelkinder nicht mehr zu besinnen vermag, - sondern auch auf Gefühle, auf Enttäuschungen und Ärger, dass mir die Schmähungen von Bekannten und Familienmitgliedern nicht lange auf der Seele lasten, weil auch der Schmerz der Vergesslichkeit anheim fällt. In den vergangenen Wochen, seit meinem letzten Brief, hab ich das Schreiben an meinem Roman und an meinen Gedichten ein wenig vernachlässigt weil ich von dem Aufarbeiten meiner Jugendkorrespondenz mit meiner künftigen Frau und mit meinen Eltern bezaubert war. Diese Korrespondenz besteht in verschiedenen fast vollständig erhaltenen Sammlungen von Briefen die meine Eltern, meine Frau und ich mit einander tauschten. Schon vor Jahren hatte ich begonnen diese Dokumente in den Rechner abzulichten, ein Verfahren das die Briefe zwar aufbewahrt und auf den verschiedensten Maschinen zugänglich macht, aber nur als Bilder, nicht als buchstäblichen Text. Um diesen erstellen zu können, schenkte mir mein Sohn vor anderthalb Jahren einen besonders starken Rechner der die Verwendung eines Programms für Spracherkennung ermöglicht, eine Einrichtung welche wie ein Sekretär oder eine Sekretärin das diktierte Wort in druckfertigen Text umsetzt. Ich habe mehere Stunden jeden Tag die alten Briefe die ich einst schrieb, und einst empfing, laut in ein Mikrophon gelesen. Welch ein ergreifendes Erlebnis! Unheimliche Vergegenwärtigung der Vergangenheit. Einblick in die Tiefen der Zeit und der Geschichte. Nun liegen etwa 650 Druckseiten vor, von denen ich, wenn ich sie lese, ergriffen bin, - darf ich es aussprechen -, wie von einem großen Gedicht, weil sie mir den Schicksalsriss, den Hölderlins Abendphantasie beurkundet, unmittelbar und unverkennbar in der eigenen Jugend vergegenwärtigen. Das Wiedererleben dieses Briefwechsels erscheint nun als Ausgangspunkt der verschiedensten Erwägungen, zum Beispiel über Jetzt und Damals, über Traum und Wachen, über Wort und Wirklichkeit, über die Mitteilung des Erlebten, über die Beziehungen zwischen und Menschen. Da gibt es vieles im Licht - oder im Schatten des einbrechenden Alterswahnsinns zu verstehen, zu erklären, zu besingen und zu preisen. Bitte fühlen Sie sich auch auf diesen Brief zu keiner Antwort verpflichtet. Ihnen und Ihrer Frau sende ich nicht nur meine Grüße sondern auch Wünsche dass es Ihnen bald besser gehen möchte. Berichten Sie mir was immer zu berichten Ihnen das Leben erleichtern möchte. Jochen Meyer