Lieber Herr Nielsen, Seit meinem jüngsten Schreiben an Sie sind nun weitere drei Wochen vergangen und wenn ich Sie heute Abend mit einem Brief belästige, so ist die Absicht unsere Korrespondenz nicht verkommen zu lassen; wie ich etwa versuche die beiden Pflanzen auf dem Küchentresen, mit denen meine verstorbene Frau sich in ihren Sterbensjahren tröstete, regelmäßig zu begießen. Die Pflanzen leben zwar noch, blühen aber tun sie nicht mehr. Von meiner Krankheit vor etwa sechs Wochen, meine ich mich so gründlich erholt zu haben, dass ich mich fragen muss, in wie weit das ungemeine Wohlsein von dem ich mich befallen fühle, ein Ausdruck der Geistesschwäche des Alters sein möchte. Hat Hölderlin etwa eine krankhafte Alterserscheinung prophezeit als er schrieb: "Friedlich und heiter ist dann das Alter"? Abendphantasie Vor seiner Hütte ruhig im Schatten sitzt Der Pflüger, dem Genügsamen raucht sein Herd. Gastfreundlich tönt dem Wanderer im Friedlichen Dorfe die Abendglocke. Wohl kehren itzt die Schiffer zum Hafen auch, In fernen Städten, fröhlich verrauscht des Markts Geschäft'ger Lärm; in stiller Laube Glänzt das gesellige Mahl den Freunden. Wohin denn ich? Es leben die Sterblichen Von Lohn und Arbeit; wechselnd in Müh' und Ruh' Ist alles freudig; warum schläft denn Nimmer nur mir in der Brust der Stachel? Am Abendhimmel blühet ein Frühling auf; Unzählig blühn die Rosen und ruhig scheint Die goldne Welt; o dorthin nimmt mich Purpurne Wolken! und möge droben In Licht und Luft zerrinnen mir Lieb' und Leid! – Doch, wie verscheucht von töriger Bitte, flieht Der Zauber; dunkel wirds und einsam Unter dem Himmel, wie immer, bin ich – Komm du nun, sanfter Schlummer! zu viel begehrt Das Herz; doch endlich, Jugend! verglühst du ja, Du ruhelose, träumerische! Friedlich und heiter ist dann das Alter. Entschuldigen Sie bitte das Zitat; ich selber aber, so redlich ich mich auch bemühe, vermag Vergleichbares nicht auszudrücken. Neben dem Versuch meine Elegie zu vervollständigen und meinen Roman fortzusetzen, hab ich in den letzten Tagen die umfangreiche Korrespondenz mit meinen Eltern von 1945 bis 1955 ein weiteres Mal überlesen. Da gibt es einige Briefentwürfe die mein Vater nie absandte. Ich lese sie jetzt zum ersten Mal, und bedenke das Opfer das meine Eltern, mit denen ich als Kind so innig verbunden war, für meine glückliche Ehe gebracht haben. Ich denke es ist das Schicksal aller treuen Eltern. Lieber Herr Nielsen, ich schreibe zu viel; zu viel auch in Briefen, und bitte Sie um Entschuldigung Sie ein weiteres Mal belästigt zu haben. Bitte vergessen Sie nie, dass, so gern ich auch von Ihnen lese, ich um keine Antwort bitte, und nichts Weiteres wünsche als dass Sie und Ihre Frau so gesund und zufrieden wie möglich sein sollten, und dass der Glückwunsch Hölderlins "Friedlich und heiter ist dann das Alter," auch Ihnen zugute kommen möchte. Jochen Meyer