NICHT ABGESANDT Liebe Cristina, Hoffentlich ist dies der letzte der Ergüsse welche Dein Aufsatz über die Kunst veranlasst hat; aber ich mache keine Versprechen. Vielleicht die wesentlichste Unstimmigkeit welche Dein Denken heraufbeschwört, betrifft die Beziehung des Menschen als einzelnen: a) zu dem Nächsten als Einzelnen, und b) zu den Vielen als Gruppe, Gesellschaft oder Menscheit. Ich hab in meinem Leben für die Missverständnisse, für die Spannungen, für die Enttäuschungen die sich aus der gesellschaftlichen Unstimmigkeit ergibt keine Antwort, keine Lösung, keine Heilung gefunden, anders als den Versuch sie zu verstehen. Es liegt im Wesen der Künstlerin sich zu behaupten. Sie will, sie muss "etwas Besonderes" sein, und in ihrem Besonderssein liegt aus der Perspektive Anaximanders, ἡ ἀδικία, das Unrecht, eine Ungleichheit welche nach der Ordnung der Zeit durch das Vergehen vergolten werden muss. ἀρχή == ἄπειρον: (ἐξ ὧν δὲ ἡ γένεσίς ἐστι τοῖς οὖσι, καὶ τὴν φθορὰν εἰς ταῦτα γίνεσθαι) κατὰ τὸ χρεών· διδόναι γὰρ αὐτὰ δίκην καὶ τίσιν ἀλλήλοις τῆς ἀδικίας κατὰ τὴν τοῦ χρόνου τάξιν. Liebe Cristina, lass Dich durch diese Feststellung nicht betrüben. Sie bezeichnet aller unser Schicksal: denn im Grunde ist jeder Mensch, auch der unfähigste und faulste, "etwas Besonderes." Sogar ich, ich betrachte mich als "etwas Besonderes", und habe im Laufe eine (allzu) langen Lebens die Folgen des Besondersseins erlebt, erlernt und geerntet. "Behold and see!" "Schauet doch und sehet!" ist die immer wiederkehrende Anweisung die ich meine befolgen zu müssen.