Liebe Cristina, Indem ich meinen jüngsten Brief an Dich überblicke, bemerke ich mit Erstaunen und einem Anflug von Schrecken die englische Anrede "Dear" statt des abgenutzten und gewissermaßen verlogenen deutschen Wortes "Liebe", das ich, wenn es wahr wäre, nie eingestehen dürfte, - oder doch ? Bekanntlich ist "dear" eine Übersetzung von "teuer" und als solche in der Sprache des Reichs der Ladenbesitzer (nation of shopkeepers) nicht unangebracht. Ob Du selber vorziehst lieb zu sein, oder teuer, sei Dir überlassen. Meinerseits war ich so müde, dass ich die erste Fassung meines Briefes unwillkürlich auf Englisch schrieb, und dann bei der Übersetzung die Verdeutschung der Anrede übersah. Selbstverständlich verstehe ich was Du im Sinn hast, wenn Du über Kunst schreibst. Wie wenig ich selber von der Geschichte, vom Bau, vom Spielen des Cellos weiß, wird mir klar wenn ich den entsprechenden Wikipedia Eintrag im Internet lese. Bei einer so großen Entwicklung Deines Instruments, hast Du guten Grund den Ausdruck "Kunst" ausschließlich für Dich und Dein Instrument und Dein Spielen in Anspruch zu nehmen. Andererseits, finde ich ist die Betrachtung des Begriffs Kunst in weiterer Perspektive nicht zu verschmähen. Ich möchte eine Unterscheidung ausprobieren zwischen der Kunst des Aufführens, vornehmlich der Musik einerseits, und der Kunst des Dargestellten, des Bildes und des Erzählten andererseits; wobei ich bereitwillig zugebe, dass die beiden Künste sich vielfach überlagern. Die Bedeutung dieser Unterscheidung erkläre ich aus der Tatsache, dass die Kunst der Darstellung von Moses als Götzendienst verboten wurde, indessen die Musik erlaubt wurde und gepriesen, denn Moses begutachtete dass beim Auszug aus Ägypten seine Schwester Mirjam nach der Durchquerung des Schilfmeers den Freudentanz und den Gesang der Frauen anführte, wobei sie als Prophetin bezeichnet wurde (Ex 15,20-21), tatsächlich aber als Vorgängerin von Benjamin Zander fungierte. Dass das Bilderverbot ein schicksalhafter Fehler war, hat und hätte Jahwe nie zugegeben; aber dass sein Sinn unbeständig war, - vielleicht litt er an Depressionen wie andere Menschen, - ergibt sich aus der Geschichte: ins Paradies, raus aus dem Paradies; sie alle ertränken, aber dann doch nicht alle; hinein nach Ägypten, 'raus aus Ägypten; den eigenen Sohn in die Welt schicken, von den Menschen töten zu lassen, dann wieder auferstehen und in den Himmel fahren lassen! Welche Unbeständigkeit. Vergleichbar: Bilder unter keinen Umständen, aber dann doch das befohlene Abbilden der ehernen Schlange, deren Anblick gegen tödliches Gift immunisiert oder von ihm heilt. Bei dieser Gelegenheit bekam auch ich die Erlaubnis Wortbilder zu malen, Geschichten zu erfinden. Meine Romane sind meine ehernen Schlangen. 6 Da sandte der HERR feurige Schlangen unter das Volk; die bissen das Volk, dass viele aus Israel starben. 7 Da kamen sie zu Mose und sprachen: Wir haben gesündigt, dass wir wider den Herrn und wider dich geredet haben. Bitte den Herrn, dass er die Schlangen von uns nehme. Und Mose bat für das Volk. 8 Da sprach der Herr zu Mose: Mache dir eine eherne Schlange und richte sie an einer Stange hoch auf. Wer gebissen ist und sieht sie an, der soll leben. 9 Da machte Mose eine eherne Schlange und richtete sie hoch auf. Und wenn jemanden eine Schlange biß, so sah er die eherne Schlange an und blieb leben. – Num 21,6-9 So gechah die Einführung der bildenden Künste ins menschliche Leben. Demgemäß betrachte ich alle Künste, Musik und Literatur einbegriffen, als unentbehrliche lebenserhaltende Aufgaben des Menschen. Dein Jochen