Dear Cristina, Mein Auto ist in besserem Zustand als mein Ich. Jenes bestand seine Inspektion so behende, dass mir die Zeit fehlte Deinen Aufsatz über die Kunst zuende zu lesen, geschweige denn ihn zu bedenken. Mein Ich verweigert jegliche Untersuchung. Überlegungen betreffs Deines Erlebens der Kunst lassen sich nachholen. Am teuersten an Deinem Brief ist mir das Abbild Deines Denkens das er darstellt. Die Bewunderung des Großvaters für den Geist seines Lieblingsenkels auszusprechen sollte ihm erlaubt sein. Die Sprache ist Schleier und Spiegel welche die Wirklichkeit zugleich verhüllt und offenbart. Was der Schleier verbirgt ist nicht erlaubt, und vermag nicht, offenbart zu werden. Was im Spiegel erglänzt wird nirgend anderswo erscheinen. Die Vollkommenheit nach welcher die Künstlerin strebt dünkt mich verleitend, insofern als sich diese Vollkommenheit als ein Ideal darstellt, welche die Menschen verbindet, vergleichbar mit der Gottheit der die Gemeinde mit dem irren Lobgesang "Wir glauben all an einen Gott" zu Füßen fällt. Ich sage Nein. 5 Vnd wenn du betest / soltu nicht sein wie die Heuchler / die da gerne stehen vnd beten in den Schulen / vnd an den ecken vnd auff den Gassen / Auff das sie von den Leuten gesehen werden. Warlich ich sage euch / sie haben jren lohn da hin. 6 Wenn aber du betest / So gehe in dein Kemmerlin / vnd schleus die thür zu / vnd bete zu deinem Vater im verborgen / vnd dein Vater / der in das verborgen sihet / wird dirs vergelten öffentlich. 7 Vnd wenn jr betet / solt jr nicht viel plappern / wie die Heiden / Denn sie meinen / sie werden erhöret / wenn sie viel wort machen. 8 Darumb solt jr euch jnen nicht gleichen / Ewer Vater weis /was jr bedürffet / ehe denn jr jn bittet. Matthäus 6 Ich sage, jede Künstlerin sucht ihre eigene Vollkommenheit, so wie jeder Mensch im eigenen Inneren den eigenen Gott sucht. Deine Sehnsucht nach Vollkommenheit ist Dein Suchen nach dem Göttlichen. Keiner darf Dir vorschreiben wie oft und in welcher Weise Du beten solltest. Über Dein Publikum aber, dass Dich beäugelt, bewundert und beklatscht wusste Goethe bescheidt: Bedenkt, Ihr habet weiches Holz zu spalten, Und seht nur hin, für wen Ihr spielt! (schreibt!) Wenn diesen Langeweile treibt, Kommt jener satt vom übertischten Mahle, Und, was das Allerschlimmste bleibt, Gar mancher kommt vom Lesen der Journale. Man eilt zerstreut zu uns, wie zu den Maskenfesten, Und Neugier nur beflügelt jeden Schritt; Die Damen geben sich und ihren Putz zum besten Und spielen ohne Gage mit. Was träumet Ihr auf Eurer Künstlerhöhe? (Dichterhöhe?) Was macht ein volles Haus Euch froh? Beseht die Gönner in der Nähe! Halb sind sie kalt, halb sind sie roh. Der, nach dem Auftakt (Schauspiel), hofft ein Kartenspiel, Der eine wilde Nacht an einer Dirne Busen. Was plagt ihr armen Toren viel, Zu solchem Zweck, die holden Musen? Ich sag Euch, gebt nur mehr und immer, immer mehr, So könnt Ihr Euch vom Ziele nie verirren Sucht nur die Menschen zu verwirren, Sie zu befriedigen, ist schwer – Vorspiel auf dem Theater, Faust I Das sollte erst einmal genug sein. Fortsetzung folgt. Dein Jochen