Liebe Cristina, Etwa vom 6. bis 12 des Monats war ich krank, krank in einer Art wie ich mich nicht zu besinnen vermag, je krank gewesen zu sein, auch nicht in der längst verschollenen Kindheit. Dir über Einzelheiten Rechenschaft zu erstatten verhindert mich die Abwesenheit ästhetischer Kategorien zum Berichten einschlägiger Erscheinungen, es sei denn dass ich Dir zu erzählen vermag, dass mir das Schlucken von Flüssigkeiten sowohl als fester Nahrung sechs Tage lang unmöglich war. Es handelte sich also nur um sechs statt um vierzig Tage in einer physiologischen Wüste. Die hab ich nun scheinbar ohne währenden Schaden überstanden, es sei denn eine zögernde Beeinträchtigung meiner schriftstellerischen Phantasie, die sich vielleicht noch erholt. Es war Kantate Nr. 26 deren sechs Sätze sich mir während der sechs Tage Krankheit in meinem Gedächtnis immer und immer wiederholten. Bedenke dass der Choral auf welche die Kantate vier Variationen bietet, 1642, also nur vier Jahre nach dem Ende des entsetzlichen Dreißigjährigen Krieges von Michael Frank gedichtet wurde, einer Zeit wo Menschen reichlich Ursache hatten die Vergänglichkeiten des Lebens zu bedenken. Die Tenor Arie (Nr. 2) ist mir besonders lieb. Die großartige barocke musikalische Mimesis des sich in den Abgrund stürzenden Wassers erinnert mich an einen unbenannten Gebirgssturzbach in den White Mountains in New Hampshire, an dessen Ufer ein sogenannter Falling Waters Trail sich steil bergauf zum Kamm von Franconia Ridge schlängelt, ein Wanderweg den meine Frau, mein Sohn und ich oftmals gestiegen sind, so oft dass schließlich bei einer Wanderung mein Sohn hineinfiel, und wir danach den Pfad als Falling-in Waters Trail bezeichneten. Gelegentlich meiner Krankheit, und beim Nachdenken über den Verlauf meines so langen Lebens, beeindruckt mich der Vergleich meiner sich von Tag zu Tag, wenn nicht gar von Stunde zu Stunde unerbittlich abspulenden Existenz mit dem Wassersturz des Gebirgsbaches mit Wasseroberflächenspannung zu gering um Schichtenströmung zu erhalten bis "sich die Tropfen plötzlich teilen, Wenn alles in den Abgrund schießt." Ein echt heraklitisches Erlebnis, welches mir mein langens ereignisreiches Leben mehr verständlich, und dem entsprechend mehr erträglich macht. 1. Chor Ach wie flüchtig, ach wie nichtig Ist der Menschen Leben! Wie ein Nebel bald entstehet Und auch wieder bald vergehet, So ist unser Leben, sehet! 2. Arie T So schnell ein rauschend Wasser fließt, So eilen unser Lebenstage. Die Zeit vergeht, die Stunden eilen, Wie sich die Tropfen plötzlich teilen, Wenn alles in den Abgrund schießt. 3. Rezitativ A Die Freude wird zur Traurigkeit, Die Schönheit fällt als eine Blume, Die größte Stärke wird geschwächt, Es ändert sich das Glücke mit der Zeit, Bald ist es aus mit Ehr und Ruhme, Die Wissenschaft und was ein Mensche dichtet, Wird endlich durch das Grab vernichtet. 4. Arie B An irdische Schätze das Herze zu hängen, Ist eine Verführung der törichten Welt. Wie leichtlich entstehen verzehrende Gluten, Wie rauschen und reißen die wallenden Fluten Bis alles zerschmettert in Trümmern zerfällt. 5. Rezitativ S Die höchste Herrlichkeit und Pracht Umhüllt zuletzt des Todes Nacht. Wer gleichsam als ein Gott gesessen, Entgeht dem Staub und Asche nicht, Und wenn die letzte Stunde schläget, Daß man ihn zu der Erde träget, Und seiner Hoheit Grund zerbricht, Wird seiner ganz vergessen. 6. Choral Ach wie flüchtig, ach wie nichtig Sind der Menschen Sachen! Alles, alles, was wir sehen, Das muß fallen und vergehen. Wer Gott fürcht', bleibt ewig stehen. Diese letzte Zeile des Chorals: "Wer Gott fürcht', bleibt ewig stehen." besagt eine bedenkenswerte theologische Perspektive, insofern als das Gotteserlebnis wirken möchte menschliches Erleben zu bestimmen und zu befestigen. Wenn dann, wie Shakespeare behauptet, die Beständigkeit das Wesen der Liebe ist, und wenn man überall im Neuen Testament liest, dass Gott "Liebe" ist, und dass Gott die Welt "liebt", ergibt sich ein Begriffsschema in welchem ein beständiger verlässlicher Gott dem Zersteuben des in den Abgrund stürzenden menschlichen Lebens Einhalt gebietet, eine kosmologische Vorstellung, mittels welcher es möglich sein möchte, sich über das Leben hinweg zu trösten. In diesem Zusammenhang bedenke ich die Musik als das reinste mir zugängliche Distillat der Zeit, - oder als den reinsten Ausdruck meines Erlebens der Zeit und ihrer Vergänglichkeit, aber auch ihrer ewigen Erneuerung mit der Wiederentstehung des Klanges und der Melodie aus der Stille, weshalb der musikalischen Kunst und der Künstlerin welche diese Kunst verwaltet so hohe Ehren gebühren. Grüße bitte Deine Eltern von mir, bleib zufrieden und gesund, und erzähl Deinem Cello von der Hinfälligkeit der Zeit und von der musikalischen göttlichen Liebe welche das Leben ermöglicht und erhält. Dein Jochen