Lieber Herr Nielsen, Jeder Zeit am kommenden Montag und Dienstag, stehe ich zur Verfügung, eine e-mail oder ein Telephonanruf 617-548-5768 genügt um zu bestimmen wann ich in der Küche auf Sie warte. Anderweitig bin ich im dritten Stock das Anbaus, praktisch incommunicado, taub, höre nichts, vielleicht sogar über der Rechnertastatur eingeschlafen. Dank für Ihr Schreiben. Es wäre, in Shakespeares Worten "dull and speechless", wenn ich Ihnen schriebe, dass ich mich auf das Abschiednehmen von Ihnen "freute". (In meinem Alter hat das Abschiednehmen besondere Bedeutung bekommen.) Andererseits will ich bekennen, dass ich mich auf die Gelegenheit freue ein diesen Amerikabesuch abschließendes Aufwiedersehen in die Chronik unseres Gedankenaustauschs einzufügen. (Ein mehr aufwendiger Ausdruck für das Allereinfachste ist kaum zu denken.) Ihr Hinweis auf Peter von Matt: "Liebesverrat - Die Treulosen in der Literatur". ruft mir unmittelbar die Zeilen aus Rilkes erster Elegie ins Gedächtnis: "Sehnt es dich aber, so singe die Liebenden; lange noch nicht unsterblich genug ist ihr berühmtes Gefühl. Jene, du neidest sie fast, Verlassenen, die du so viel liebender fandst als die Gestillten." Ein längerer Auszug: Ja, die Frühlinge brauchten dich wohl. Es muteten manche Sterne dir zu, daß du sie spürtest. Es hob sich eine Woge heran im Vergangenen, oder da du vorüberkamst am geöffneten Fenster, gab eine Geige sich hin. Das alles war Auftrag. Aber bewältigtest du's? Warst du nicht immer noch von Erwartung zerstreut, als kündigte alles eine Geliebte dir an? (Wo willst du sie bergen, da doch die großen fremden Gedanken bei dir aus und ein gehn und öfters bleiben bei Nacht.) Sehnt es dich aber, so singe die Liebenden; lange noch nicht unsterblich genug ist ihr berühmtes Gefühl. Jene, du neidest sie fast, Verlassenen, die du so viel liebender fandst als die Gestillten. Beginn immer von neuem die nie zu erreichende Preisung; denk: es erhält sich der Held, selbst der Untergang war ihm nur ein Vorwand, zu sein: seine letzte Geburt. Aber die Liebenden nimmt die erschöpfte Natur in sich zurück, als wären nicht zweimal die Kräfte, dieses zu leisten. Hast du der Gaspara Stampa denn genügend gedacht, daß irgend ein Mädchen, dem der Geliebte entging, am gesteigerten Beispiel dieser Liebenden fühlt: daß ich würde wie sie? Sollen nicht endlich uns diese ältesten Schmerzen fruchtbarer werden? Ist es nicht Zeit, daß wir liebend uns vom Geliebten befrein und es bebend bestehn: wie der Pfeil die Sehne besteht, um gesammelt im Absprung mehr zu sein als er selbst. Denn Bleiben ist nirgends. Seit unsrer Unterhaltung am Mittwoch, ist mir eine weitere Verschachtelung der Romanepisode die mich beschäftigt eingefallen. Meine Flüchtlinge vor der (Mittelmäßigkeit der) Inselgesellschaft entdecken in einem Wandschrank in dem Zimmer wo sie versteckt sind, zwei Pappkartons Papiere: Der erste Karton enthält die Liebesbriefe zwischen der längst verstorbenen Elsbeth und ihrem künftigen Gemahl, Jacob Döhring. Diese zu verstehen und zu erklären wird Ellys Aufgabe und Zeitvertreib. Der zweite Karton enthält die Tagebücher von dem verstorbenen Döhring selbst, und Katenus stellt sich an diese Dokumente zu veröffentlichen. Ich bin bestrebt zu zeigen wie alles Erleben zur Vergeistigung drängt. Inwiefern mir dies gelingen wird, soll dahingestellt bleiben. Herzliche Grüße an Sie beide. Jochen Meyer