Lieber Herr Nielsen, Gestern Abend las ich die ersten 134 Seiten in "The Noise of Time". Heute Morgen sage ich Ihnen für dies Geschenk besonderen Dank. Unmittelbar am interessantesten für mich ist das Zusammenfallen von Phantasie geschürter "Dichtung" und historisch beurkundeter "Wahrheit", weil mir die Kenntnisse fehlen in Julian Barnes Buch die Grenzen zu bestimmen, und weil ich mich in meinen eigenen gegenwärtigen Kompositionen nicht geniere diese Grenzen rücksichslos zu verkennen, dies entsprechend meiner hochmütigen Überzeugung dass historische "Wahrheit" verschlüsselte Dichtung ist, und leidenschaftliche Dichtung die einzig uns zugängliche "Wahrheit". Viele andere Themen des Buchs liegen in Bereichen jenseits meiner Kompetenz, wie etwa die zeitgenössische russische Musik, inneres Erleben und äußere Aufführung der Kunst, die Soziologie von Diktatur und Terror, die Ethik des Widerstands gegen "das Böse" und die Pragmatik politischer Kollaboration mit ihm. Das sind Fragen die ich kaum zu stellen weiß, geschweige denn zu beantworten. Die beiden Schokoladentafeln hingegen waren leicht zu schlucken; die schmeckten großartig und heischen eigenen Dank. Herzliche Grüße an Sie beide. Jochen Meyer