Liebe Margret, Dank für Deinen Pfingstgruß, der mich erreicht wo ich mich soeben von einer leichten Grippe erhole, deren Zeichen zum Teil von dem nicht-steroidalen Entzündungshemmer (NSAID) den ich regelmäßig für die Arthritis in den Hüftgelenken einnehme, verdeckt wurden. Ich erwähne die Krankheits- oder Gesundheitsangelegenheiten im voraus um sie aus dem Wege zu schaffen; denn mit 87 Jahren gehören sie zum normalen Leben. Sage ich, es geht ausgezeichnet, dann prahle ich; sage ich es tut überall weh, dann klage ich; sage ich, es geht mir genau wie mit 27, dann lüge ich; sag ich aber garnichts, dann verschweige ich. Tatsache aber, dass ich sehr dankbar bin in diesem schönen großen Haus meine Tage allein, einsam und zufrieden zu verbringen, mit Blick durch die hohen breiten Fenster in das dunkle Grün der Bäume die das Haus auf drei Seiten umgeben. Unten, im verwilderten Garten wuchern die blühenden Maiglöckchen die ich so liebe. Meine Tage sind völlig mit Lesen und Schreiben in Anspruch genommen, Lesen vornehmlich des begeisterten und oft stürmischen Briefwechsels mit meiner verstorbenen Frau - am 24. des Monats sind es zwei Jahre seit sie endgültig bettlägrig wurde, vier Monate später ist sie gestorben - in den Jahren 1949 bis 1952 als wir um einander warben. Die Korrespondenz die sie liebevoll aufbewahrte ist vollständig genug um nicht nur ein Wiedererleben sondern ein neues vom langem glücklichem Zusammenleben geläutertes Verständnis zu ermöglichen. Was ich vor 67 Jahren erfuhr, ist mir heute lebhafter zugegen als was letzten Monat geschah. Das von Kierkegaard geprägte Phänomen der Gleichzeitigkeit (Samtidighed) im Denken und Fühlen wird mir heute in einer neuen Dimension erkenntlich, und manches das damals um seiner Schmerzhaftigkeit verborgen bleiben musste, erglänzt jetzt in strahlender Schönheit. Es ist dies geheimnisvolle innere Erleben das ich in meinen Romanen und Sonetten erkenntlich zu machen bestrebt bin. Es verwundert mich nicht, geschweige denn dass es mich betrübte, dass ich außer meiner selbst keinen Leser finde. Hab mich längst damit abgefunden dass mein Denken und Fühlen nur an mich selbst gerichtet sein sollten, und bin's zufrieden. Die Veröffentlichung der Seele überlasse ich Nathaniel und bemitleide das schwere Schicksal das sich daraus ergibt. Letzte Woche dirigierte er zwei Aufführungen von Beethovens viertem Klavierkonzert. Bei der zweiten, wohl nicht genügend bekannt gemachten Veranstaltung schienen mir die Mitglieder des Orchesters zahlreicher als die Hörer, ein Missverhältnis das die Schönheit der Musik nicht beeinträchtigte. Möglicherweise hat Nathaniel Dir geschrieben dass er zu einem Wettbewerb in Berlin in diesem Sommer zugelassen ist, welcher Art weiß ich nicht, und dass er nun entscheiden muss in welche Richtung er sich wenden sollte, denn hier am Ort hat er auch verschiedene Angebote bekommen, die, wenngleich nicht glänzend, ihm dennoch eine annehmbare Eingliederung in die musikalische Gesellschaft gewähren würden. Nichts im Leben ist einfach. Das Sterben, so scheint es mir, ist letzten Endes das Schönste und Einfachste. Ich finde es ein Merkmal der Verderbtheit unserer Kultur dass dies auszusprechen nicht (mehr) erlaubt ist. Oder doch? Vielleicht sollte man die Todesahnung als dialektische Vervollständigung der Pfingstbotschaft bedenken. Herzliche Grüße, Dir und Deiner Familie. Jochen