Ich finde es bemerkenswert dass 68 Jahre vergehen mussten, eh ich mich und meine Liebschaft mit Margaret begreife. Aus Gründen für die ich keine Erklärung habe, und die vielleicht auch unentdeckbar sind, bin ich mir seit Kindheit, solange ich erinnern kann, meines Bewusstseins, meines Ich, meiner Subjektivität, in einem Maße bewusst das mir heute außergewöhlich erscheint; deshalb vermochte ich seit Kindesalter aus dem üblichen gesellschaftlichen Zusammensein, wie Geburtstagsfeiern, Ballspiele, Mannschaftsspiele, Arbeitsgruppen, politischen Konferenzen, Tagungen, Sitzungen, Kongressen und Demonstrationen - keine Genugtuung zu schöpfen. Meine Gefühle weigerten sich von außen bestimmt zu werden. Nach Innen geht der geheimnisvolle Weg. Auf mein inneres Erleben und (fast) nur auf dies innere Erleben kam es mir an. Es ist nicht verwunderlich, dass es mir schwer fiel mich in das geläufige gesellschaftliche Leben einzufügen. Vielleicht könnte man sagen dass ich die Unbedingtheit des Selbstseins auf die Kierkegaards Gedanken hinweisen in ungebührlicher Weise im eigenen Gemüt erlebte. Zum ersten Mal begegnete ich meiner künftigen Frau Margaret im Mai 1946. Das war zwei Monate vor ihrem 22., und ein Monat vor meinem 16. Geburtstag. Sie hatte eine trübe Kindheit und vier Jahre beschwerlichen Collegestudiums hinter sich. Hinter mir hatte ich nach der Auswanderung aus Braunschweig im März 1939, und dem Flanderssommer in Chappaqua und Canaan, sechs Jahre in den abgelegenen Appalachen und ein Jahr in Germantown wo ich zur Schule ging und in Mount Airy bei Roberta Jarden, mit Tochter Mollie und Enkelin Jane Nolde wohnte. Bei den Bach Festspielen in Bethlehem sah ich sie zum ersten Mal. Ihre Eltern hatten für verschiedene Familienmitglieder Zimmer im Ort gemietet, wo wir am Freitag Nachmittag und Abend nach der Aufführung des Weihnachtsoratoriums übernachteten, um am nächsten Morgen Orgel und Cembalowerke zu hören, und schließlich am Nachmittag, die H-Moll Messe. Es war der Tamino-Augenblick meines Lebens. Dass dies mehr als Fantasie ist bezeugt ein Brief an Margaret vom Mai 1950. "It is very good that you can come to Bethlehem in time for the Christmas Oratorio, because that was the occasion when I first saw you, four long years ago this spring. It is very strange to think how those four years would have been without the idea of you which lived in me and grew until last year it blossomed into flesh and blood." Wahrscheinlich hat sich unsere keimende Bekanntschaft in den Frühlingen der folgenden zwei Jahre, 1947 und 1948 bei ebendenselben Festspielen festigte. Das ich ihnen beigewohnt habe, bin ich gewiss. Dass Margaret gleichfalls zugegen war ist anzunehmen, ist aber nicht belegbar. Aus dem erhaltenen Briefwechsel geht hervor, dass ich den Festspielen am 20-21 und 27-28 Mai 1949 beiwohnte, Margaret in aller Wahrscheinlichkeit gleichfalls. Die Musik die ich am ersten Wochenende hörte hatte mich in einem Maße begeistert, dass ich mich entschloss zum zweiten Wochenende wiederzukehren, und meine Schwester Margrit einlud mich dort zu treffen. Brieflich beurkundet ist: "Cambridge, am 29. Mai 1949 Heute Abend nach einer recht angenehmen Fahrt kam ich zum zweiten Mal aus Bethlehem zurück. Vielleicht weil Margrit dort war, oder vielleicht weil ich mich dieses Mal mehr als je nach der Musik sehnte, habe ich alles tiefer und inniger als je genossen." "Cambridge, am 3. Juni 1949 Zweitens ist diese Angelegenheit mit der Farm von der Margrit Euch schrieb. Alex und seine Schwester, (die ältere nämlich die Margaret heißt) finden es eine glänzende Idee, dass ich dorthin mitkäme, und beide haben mich, jeder von seinem Gesichtspunkt aus und in seiner Art, soviel ich beurteilen kann, sehr gern um sich. Ich kann mir vorstellen das ein paar solche Tage in den Berkshires sehr nett sein könnten. Alex und ich haben einander viel zu geben, und seine Schwester hat viel Ähnlichkeit mit ihm, und scheint mir, wenig wie ich sie kenne, ein recht gediegener und feiner Mensch zu sein." Das Program in Bethlehem 1949: 27. Mai, 4:00 Uhr - Matthäuspassion, erster Teil 8:30 Uhr - Matthäuspassion, zweiter Teil 28. Mai 10:00 Uhr - E. Power Biggs, Orgel (Concerto Grosso nach Vivaldi in D-moll; Triple Sonata Nummer eins; drei Choralvorspiele; Passacaglia in C-moll) 11:00 Uhr - Ralph Kirkpatrick, Cembalo, (Fantasie und Fuge in A-moll; Goldberg Variationen) 2:00 Uhr - H-moll Messe, erster Teil 4:30 Uhr - H-moll Messe, zweiter Teil An den Freitagskonzerten in jenem Mai wurde die Matthäuspassion aufgeführt, und ich besinne mich auf eine Unterhaltung mit Margaret über diese große Musik, vermutlich Sonnabend am 21., mittags. Ich erzählte ihr von meiner Bewunderung für die Abendmahlsszene mit dem Rezitativ: Ich werde von nun an nicht mehr von diesem Gewächs des Weinstocks trinken, bis an den Tag, da ich's neu trinken werde mit euch in meines Vaters Reich, und von meiner Begeisterung für die anschließende Sopranarie Ich will dir mein Herze schenken, Senke dich, mein Heil, hinein! Ich will mich in dir versenken; Ist dir gleich die Welt zu klein, Ei, so sollst du mir allein Mehr als Welt und Himmel sein. Margaret sagte ihre Lieblingsarie sei: Erbarme dich, Mein Gott, um meiner Zähren willen! Schaue hier, Herz und Auge weint vor dir Bitterlich. Ich vermute dass es diese Unterhaltung der Boden war aus dem schließlich meine Liebschaft, meine Ehe, meines Lebens Glück entsprossen sind. Es muss bei den Festspielen am 27. und 28. Mai wo meine Schwester Margrit zugegen war gewesen sein, dass Margaret ihre Einladung zu dem Besuch nach Great Barrington erst nur an Margrit ergehen ließ. Ich werde neulich durch einen Brief an die Umstände erinnert. am 3. Juni 1949 "Zweitens ist diese Angelegenheit mit der Farm von der Margrit Euch schrieb. Alex und seine Schwester, (die ältere nämlich die Margaret heißt) finden es eine glänzende Idee, dass ich dorthin mitkäme, und beide haben mich, jeder von seinem Gesichtspunkt aus und in seiner Art, soviel ich beurteilen kann, sehr gern um sich. Ich kann mir vorstellen das ein paar solche Tage in den Berkshires sehr nett sein könnten. Alex und ich haben einander viel zu geben, und seine Schwester hat viel Ähnlichkeit mit ihm, und scheint mir, wenig wie ich sie kenne, ein recht gediegener und feiner Mensch zu sein." So weit ich mich heute besinne, erfuhr ich von dieser Einladung erst am 10. Juni als ich mit dem Nachtzug aus Boston früh morgens in New York ankam und Margaret in ihrer Mietswohnung am St. Marks Place besuchte. Sie bat mich inständig sie nach Great Barrington zu begleiten. Wie ich das beträchtliche Gepäck das ich wegen Semesterschluss aus Cambridge befördern musste gehandhabte, weiß ich heute nicht mehr; kann sein das Alex es in seinem Wagen für mich nach Philadelphia befördert hat. Jedenfalls musste er zur Zeit noch ein letztes Examen abwarten und ist nicht mit Margaret und mir nach Great Barrington gefahren. Ich weiß auch nicht mehr, wie wir von New York dorthin gekommen sind. Erinnere nur das Männerhaus dort, die wunderbaren Spaziergänge, ihre flehentliche Bitte, Verlass mich nicht, der ich wie das Sonnet erzählt, lebenslang Treue geleistet habe. Ein Brief ruft mirs ins Gedächtnis, das Alex mich abholte, und mich nach Germantown brachte, von wo ich nach Konnarock fu;hr.