19491125Jd Philadelphia am 25. November 1949 Lieber Papa, liebe Mutti, in Gedanken war ich gestern viel bei euch, und habe im Stillen gehofft, dass ihr nicht allzu viel Arbeit haben mögt, und dass ihr auch Zeit gefunden habt euch auszuruhen. Wieso es gekommen ist, dass ich mich nun doch entschieden habe nach Philadelphia zu fahren, habe ich euch schon geschrieben, und ich habe keinen Grund meinen Entschluss zu bereuen. Mag sein, dass die ununterbrochene Grübelei der letzten Wochen manches Problem vorausgesehen, und im Voraus gelöst hat. Oft kommt es mir vor als ob die Aufgabe wäre, nicht, die Verwirrung der tatsächlichen Erfahrung geistig zu lösen, sondern das geistig erlittene und gelöste Problem in der Erfahrung zu verwirklichen. Ich weiß nicht wieso es kommt, dass sogar in dem Augenblick, da Ahnung sich in Gegenwart verwandelt, die Wirklichkeit sich in ein Chaos von dunklen Möglichkeiten hüllt, so dass man sie nicht zu erkennen vermag. Nicht ein Gefühl von verwirrender Zerrissenheit sondern einen klaren Schatten von unsagbarer Traurigkeit bringt das Erlebte mit sich. Es mutet uns an so traurig wie das Gefühl des Traumhaften, und wir möchten von jedem einzelnen Erlebten sagen, wie Hiob zu Gott sagte: du gehst an mir vorüber und ich erkenne dich nicht. Margaret ist sehr fein und zurückhaltend in ihrer Neigung zu mir, die desto weniger zu verkennen ist. Sie scheint glücklich in allen großen und kleinen Gedanken oder Handlungen mit denen sie mir helfen kann. Umso mehr spreche ich offen zu ihr. Ich habe unsere Freundschaft verglichen mit einem Buch in dem ich, meiner Gewohnheit gemäß, das letzte Kapitel zuerst gelesen habe, und nun nicht anders kein als jede Wandlung im Schatten des Endes zu betrachten. Und dennoch da ich einmal angefangen habe mag ich nicht aufhören zu lesen, obwohl ich glaube dass ich es könnte, und möchte fast mit Hofmannsthal sagen das sein Inhalt mich irgendwie angeht: O wüsst ich mehr von diesen Abenteuern, denn irgendwie bin ich da rein verwebt, und weiß nicht wo sich Traum und Leben spalten. Dazu sagt Margaret, dass, wie das Ende sich auch gestalten möge, es dennoch ein gutes Buch sei, und dass man das Ende gar nicht verstehen könnte ohne das ganze Buch gelesen zu haben. Dabei vergesse ich nie euer beider Urteil über sie, im Gegenteil es wird mir immer gegenwärtiger. Und auch das überhörte Wort von der ausgemachten Sache klingt mir lauter und unpassender als je zuvor. Und wenn ich so wachend halb träume, bilde ich mir manchmal ein, das wären Weckuhren die mich aus meinem Traume weckten. Aber das sind sie auch nicht, denn ich habe doch gar nicht geschlafen. Ich will dass sie ihre Berechtigung haben, und wenn ihr tausendmal beteuertet, euer Urteil wäre nicht stichhaltig, ich würde es dennoch beibehalten, als Ausgangspunkt all meines Denkens, denn ich weiß dass in einem Sinne, der viel tiefer geht als ihr ihm folgen mögt, so tief, dass er alle Färbungen von gut und schlecht verliert, in einem tiefen Sinne habt ihr recht. Nun habe ich eine ganze Seite darauf verwandt, dies zu beschreiben, das euch am meisten interessiert, mehr fast als mich, denn es ist nur ein Abglanz meines Erlebens, und mein Wesen ist nicht davon erschöpft. Und dies ist das Unrecht, welches Goethe genannt hat: "Der Tragödie erster Teil". Nun was Margrit anlangt, so werde ich sie heute Abend anrufen und morgen besuchen. Damit hoffe ich gut zu machen, dass ich gar nicht geschrieben habe. Hoffentlich ist Margrit nicht so unglaublich gespannt, wie sie oft ist, wenn sie unter anderen Menschen ist. Ich hoffe auch das ich nicht so viele Freundinnen begrüßen muss, wie letztes Mal als ich in Chambersburg war. Ich werde euch davon schreiben. Jetzt aber, will ich ein bisschen arbeiten, denn ich habe mir meine Bücher mitgenommen, dass ich nicht faul sein brauch, obwohl ich nichts dringendes zu tun habe. Aber die Beschäftigung an sich macht mich zufrieden und gesund, so dass ich mir vorstellen kann, dass wenn ich eines Tages anfinge etwas zu tun an dem sich der ganze Mensch mit Geist und Seele beteiligen kann, etwas recht zufriedenstellendes dabei herauskommen möchte. Kuss Jochen