Sehr geehrter Herr Kollege, Ein weiteres Mal eine Entschuldigung als Vorwort, Entschuldigung, Sie Tag für Tag mit Post, wenngleich elektronisch, zu behelligen. Hat mit Gedächtnisschranken und Schaffensdrang zu tun. Was ich nicht jetzt aufschreibe, ist (ewig) verloren, und was ich aufgeschrieben hab, will abgeschickt werden. Kann nichts dazu. Ihre Aufforderung von mir und meiner Familie zu berichten, hat es mir angetan. Meine deutschen Bekannten, Frau Strangfeld in Kierspe, Dr. Steinrück in Berlin, und vor allem mein verstorbener Freund Helmut Frielinghaus, der enttäuschte Verleger, der meine schriftstellerischen Versuche geringschätzte weil sie mit dem Günter Grass Lektorat womit er sich tröstete unvereinbar waren,hatten mir wiederholt geraten die Lebensgeschichte meiner Familie und meiner selbst zu schreiben. Hab mich beständig dagegen gesträubt ohne mir einzugestehen warum, bis jetzt, - nämlich, weil ich diese Geschichte keineswegs edel oder heroisch, sondern pathetisch, traurig, erbärmlich, wenn nicht gar lächerlich finde; und weil die Prophezeiung meiner intelligenten paranoiden Mutter mich lähmt. Wir sitzen, wie regelmässig am ovalen modernistischen Küchentisch in Konnarock. Ich sehe und höre sie sagen: "Na wenn wir mal tot sind, dann werdet ihr erst richtig über uns herziehen." Und an diesem Punkte gerate ich in eine Auseinandersetzung mit ihrer Frau; denn ich vermag nicht die "Ursache" für den Kummer die meine Familie erlebt hat ausschließlich den Nazis zuzuschreiben, vermag nicht alles Leiden in der Welt als posttraumatisches Stresssyndrom auf Naziverbrechen zu deuten, so entsetzlich diese Verbrechen auch waren. Weder Adolf Hitler noch Hermann Göring noch Josef Göbbels noch Heinrich Himmler noch Adolf Eichmann sind dafür zu beschuldigen. Adam und Eva tragen die Schuld, dass ein Ehemann vor Wut einen Kleiderschrank aus dem Fenster wirft (c 1900), dass ein Vater sein Kind das er soeben vom Ertrinken gerettet hat verprügelt, weil es sich in kindlichem Übermut aufs Eis gewagt hatte (c 1908), dass eine Großmutter einen verlassenen ihr anvertrauten Säugling, statt ihn zu herzen und zu trösten, wochenlang heulen und schreien lässt, weil ihr Aberglaube ihr einflüstert, dass er ihrem Gotte zuwider ist (1931); und dass ein Ehemann seine Frau zwingt ihr Kind zu verstoßen weil es "unehelich" ist (1898). Und letzten Endes wolln wir uns nicht eingestehen dass Adam und Eva auch für Hitler, Göring, Göbbels, Himmler und Eichmann verantwortlich sind. Mein Vater hatte über den Verlust unserer Wohnungseinrichtung nichts zu sagen. Für ihn war Buchenwald zum Maßstab des Leidens geworden, wogegen die Staten Island Überraschung zu nichts verblich. Aber auch meine Mutter klagte nicht, geschweige, dass sie geweint hätte. Ihr Aufstieg aus der Armut des kleinsten Kleinbürgertums in den eleganten Wohlstand des akademisch geschulten Berufsadels war ein wesentlicher, - ich will nicht schreiben, der einzige - Inhalt ihres Lebens. Die Tränen hätten ihrem Schmerz nicht gerecht werden können. Wir kehrten zurück in die kleine Zweizimmerwohnung am Columbus Circle die wir mit Wanzen teilten. Meine Eltern hatten die Wohnung in Erwartung der Wiederherstellung ihrer Familie gemietet. Meine Schwester war bei dem Debakel auf Staten Island nicht zugegen gewesen. Sie muss am Nachmittag des 13. oder am Morgen des 14. Oktobers 1939 von ihren Pflegeeltern McNair zu uns zurückgebracht worden sein, denn Sonnabend nachmittag, am 14., befanden wir vier, zum ersten Mal seit dem ersten April des Jahres wieder vereint, im Keller der monumentalen Pennsylvania Station an der 32. Straße um in den Zug nach Washington einzusteigen. Mein Gedächtnis weigert sich die vielen Male die ich in den folgenden fünfzehn Jahren dieselbe Reise von oder durch New York nach Marion, Virginia gemacht habe zu unterscheiden, bei jedem Mal von der länge und schwärze des Hudsontunnels geängstigt in welchen der sich langsam in Bewegung setzende Zug seine Passagiere wie in eine endlose Unterwelt einzuschleusen drohte. Besinne mich aber deutlich auf die Zeiger "GERMANTOWN" an den Bahnhöfen in Philadelphia bei dieser ersten Fart gelesen zu haben. Sie erinnerten an meine verlorene Heimat. Hatte keine Ahnung von der wunderbaren Zukunft die sie mir versprachen. Als wir in Washington ankamen, war es schon dunkel. Am Bahnhof wurden wir von einem Vertreter einer örtlichen Kirche in Empfang genommen und in ein Gemeindehaus gebracht wo wir übernachteten. Auf Essen kann ich mich nicht besinnen. Am nächsten Morgen, den 15. Oktober 1939, brachte man uns zurück zum Bahnhof. Der Zug nach südwest Virginia fuhr um 8 Uhr ab. Hab mich neulich in einer Odendichtung über diese verhängnisvolle Fahrt geübt. Ankunft In jenes wüste Tal entflohen wir mördrischer Wut teutonischer Barbaren. Wir suchten Seelenwundenpflegen die sonstwo nicht zu haben waren. Die Fahrt war lang, sie dauerte zwei Tage, Im Zug bewegte mich die stumme Frage wohin das Schicksal uns entführt, warum die Rettung uns gebührt. Am Bahnhof nahm Herr Kirsch uns in Empfang, mit deutschen Vorfahr'n deren Muttersprache ihm kaum bekannt, war fast verloren. Ein Echo nur in unsren Ohren. Verloren er wie wir. Im kleinen Auto gequetscht wie in der Dose die Sardinen, gestoßen und geschaukelt, ging die Fahrt auf engen Serpentinen, Verteilte Bergesketten auf und nieder zum Bauernhaus im düstren Schönholzwald, wo Pfarrer Ott auf uns gewartet. Stieg ein, noch enger das Gedränge. Saßen einander praktisch auf den Knien. Fuhren zur Mädchenschule, wo bedacht die Unterkunft für diese Nacht. Ein Nonnenhaus von frommen Prüden überwacht. Niemals zuvor, niemals danach hab ich so vielen Mädchen nah gewacht. und habe oft in später Nacht darüber träumend nachgedacht. Am Morgen bracht man uns ins eigne Haus. War weder groß noch war es elegant. Die Fenster sahen schmutzig aus. Die alte Kohlenheizung qualmt. Der Möbelwagen kam, man packt ihn aus, geschundnes Zubehör des einstgen Lebens. Der Heimat Haus malt es das Bild. Erinnrung zwar, doch Trost vergebens. Lieber Herr Kollege, Das ist für einen Tag nicht nur genug. Es ist zuviel. Schafft aber Gelegenheit, Sie und Ihre Frau herzlich zu grüßen. Jochen Meyer