Sehr geeherter Herr Kollege, Dank für Ihren Brief vom 28.4.2017. Entschuldigung für die sofortige Antwort. Hab viel über Ihren Brief nachgedacht. Mein 87 Jahre altes Gedächtnis ist ein Sieb geworden, das übermorgen, wenn nicht schon morgen, leer sein wird. Deshalb, eh es zu spät, dieser Brief. Entschuldigung für eine weitere unwesentliche Berichtigung zu Ihrer Rosenthal Genealogie. Meine Großmutter Elfriede (Rosenthal) Meyer ist nach dem Tode ihres Ehemanns zu uns nach Braunschweig gezogen, und ist nicht in Oerlinghausen sondern in Braunschweig 1934 gestorben, so viel ich weiß, an Agranaluzytose infolge einer Reaktion auf "Pyramidon", dessen toxische Nebenwirkungen damals noch unerkannt waren. Dieses Wochende hat mein Sohn in seinem Krankenhaus "Dienst". He is "on service." Ich beabsichtige ihn nächste Woche zu bitten, mir mit einer Zusammenstellung einschlägiger Bilder und Dokumente zu helfen. Bald danach werde ich anfangen diese Funde Ihnen schrittweise zu übersenden, bedacht Sie nicht mit Überflüssigem oder Unerwünschtem zu behelligen. "Ich bewundere den Edelmut, wie wir früher gesagt hätten, die hochherzige Haltung, die Jochen gegenüber der Vergangenheit und Gegenwart Deutschlands einnimmt. Es ist dies seit eh und je seine Haltung, nicht etwa nur in den Briefen an Sie und Ihre Schüler. Und noch ein Hinweis zu seinen Briefen: Jochen ist seiner (geliebten) deutschen Sprache treu geblieben. Er ist - ich kann das beurteilen als jemand, der ein Leben lang als Verlags-Lektor gearbeitet hat und heute noch freiberuflich als Lektor und Übersetzer arbeitet, zum Beispiel als Lektor von Günter Grass - ein Schriftsteller. Seine Sprache ist genährt von der Sprache dessen, was wir einst deutschen Geist nennen durften, von der Sprache der großen deutschen Dichter - ich erwähne hier als beispielhaft Goethe, Hölderlin, Kleist, Rilke. Das Seltsame, das, was an ein Wunder grenzt, ist, dass er nicht nur die Liebe zur deutschen Sprache, sondern auch die Kenntnis der deutschen Sprache und der großen deutschen Literatur seinem Sohn Klemens "weitergeben" konnte. Irgendwann werde ich formulieren können, dass die Vertreibung bei Jochen in gewisser Weise, innerlich, immer fortgewirkt hat. Als das fortgewirkt hat, was wir in den sechziger und siebziger Jahren großspurig Entfremdung genannt haben, ohne zu wissen, was wirkliche Entfremdung ist. Meine Sprache ist der Gegenwart verhaftet, ist mit den deutschen Entwicklungen in Politik, Literatur und Kultur gröber geworden." Helmut Frielinghaus Aus einem Brief an Renate Haertle am 11. Februar 2010, gelegentlich einer Stolpersteinverlegung in Braunschweig.