Lieber Herr Nielsen, Nun sind schon wieder siebzehn Tage vergangen seit meinem letzten Brief an Sie. Erlauben Sie mir zu betonen, dass ich auf keine Antwort warte, so sehr sie mich erfreuen würde. Ich meine mir vorstellen zu können, wie Sie mit anderen Sorgen und Pflichten belastet sind; dass Ihnen trotzdem ein Brief von mir nicht unwillkommen ist, haben Sie oft genug betont. In diesem Zusammenhange sollte ich erwähnen, wie dankbar ich Ihnen für Ihr freundliches Bewerten meiner Bemühungen bin; denn andere Korrespondenten mit denen ich versuche Gedanken und Gefühle auszutauschen stehen dem was ich schreibe, und wohl auch dem der ich bin, so kritisch gegenüber, dass meine Briefe nicht selten in Entschuldigungslitanei entarten. Mag sein, dass es eine Maßnahme des Selbstschutzes ist, dass ich einer objektiven Kritik der Qualität des Schrifttums, meine eigenen Versuche einbeschlossen, zunehmend skeptisch gegenüberstehe. Das Muster für meine Skepsis bieten meine Versuche Musikstücke objektiv zu bewerten. Ich komme zu dem Beschluss dass ich Lieder, Konzert- Kammer- und Kirchenmusik liebe, insofern ich sie auswendig (und inwendig) kenne, insofern jedes besondere Stück, insofern jeder erkennbare Stil, sich in meine Geisteswelt eingebürgert hat, und somit ein Teil meiner selbst geworden ist. Je älter ich werde, desto unverkennbarer scheint's mir, dass ich in der Musik die mich begeistert ein Echo eigenstens Erleben höre. Ebenso mit der Literatur. Goethes Faust, Hölderlins Oden und Elegien, Rilkes Sonetten, haben sich in meinem Gemüt in einem Maße verwurzelt, dass sie mir nunmehr mein eigenes Ich, mein eigenes Erleben zu bestätigen scheinen, und mir versprechen mich aus der Verlorenheit des Alltags zu retten. In ihrer Weise tun das auch meine eigenen schriftlichen Bemühungen: wenn ich sie oft genug, und leidenschaftlich genug lese werden sie zu einem Spiegel der mir meine Existenz verbürgt. Worauf sollte es mir sonst ankommen? Abgesehen von einer kleinen Zahl neuer Sonette, an die ich mich noch nicht gewöhnt habe, und die ich vielleicht aus der Sammlung entfernen werde, beschäftigt mich das sechste Buch meiner Romanserie "Vier Freunde". Bis jetzt hab ich etwa siebzig vielleicht druckreife Seiten geschrieben, nebst weiteren vierzig Seiten brauchbarer Entwürfe, ohne dass ich den Verlauf der Handlung voraussagen könnte. Was mich beschäftigt, und wovon ich mich habe hinreißen lassen, ist die Beschreibung und Bewertung der verwickelten Gerichtsverhandlungen die sich über mehr als zwölf Jahre erstrecken. Vielleicht hab ich Ihnen erwähnt dass ich die Auseinandersetzungen mit den Behörden als klinischen Untersuchungen durchgeführt habe um Stoff für mein eigenes Verstehen der gesellschaftlichen Welt in der ich lebe zu ermitteln. Jetzt, wo die Verhandlungen abgeschlossen sind, habe ich viel zu bedenken, viel zu berichten, viel zu verstehen, viel zu erklären. Diese Aufgaben sind nicht einfach; sie liegen im Streit mit dem Bedürfnis des so notwendigen Vergessens. Ich glaube aber es ist eine sehr fruchtbare Arbeit die ich nicht vermeiden darf. Ob mit Zeit und Kraft gegönnt sind sie zu leisten, ist eine weitere Frage. Den Anfang hab ich jedenfalls gemacht. Ich beabsichtige Ihnen in etwa zwei Wochen wieder zu schreiben. Inzwischen Ihnen und Ihrer Frau meine herzliche Grüße! Jochen Meyer