am 30. März 2017, 21:15 Liebe Gertraud, Vielen Dank für Deinen Brief. Wenn ich auch umgehend den Anfang mit einer Antwort mache, beabsichtige ich dennoch dies Mal meinem Vorsatz treu bleiben, und diese Zeilen erst ein paar Tage gären zu lassen, eh ich sie absende. Dass unser beider, Dein und mein, Erleben so offenbar unterschiedlich sind, und oberflächlich jedenfalls, begrifflich so wie wohl auch gefühlsmäßig unvereinbar, macht, meines Erachtens jedenfalls, den Austausch von Briefen umso sinnvoller. Dennoch ist es eine heikle Sache Gedanken auszusprechen und Gefühlen Ausdruck zu geben von denen ich vermute dass sie Dir fremd oder gar ärgerlich sein möchten. Da wird das Schreiben eine Art geistig-seelische Gratwanderung, mit der Gefahr nach rechts in die Unaufrichtigkeit der Schmeichelei abzugleiten, nach links aber in die Ungezogenheit der Geringschätzung oder gar Verschmähung. Die Bühne, der Schauplatz, auf welcher unser Briefwechsel stattfindet, ist meinerseits jedenfalls, die zunehmende Einsamkeit in der ich mich seit Margarets Tod befinde, irgendwie vergleichbar mit der leeren wüsten Insel Naxos wie sie Hofmannsthal in seinem Libretto beschreibt, wo der Mensch um zu überleben, lernen muss sich selber anzusprechen, zu sich selbst zu reden, sich mit sich selbst zu unterhalten. So etwas tue ich nun bewusst und absichtlich wenn ich schreibe; und im Grunde sind alle meine Briefe, selbst wenn sie mit Deinem Namen geschmückt sind, Briefe an mich selber. Hab in den vergangenen Tagen, Hofmannsthals Libretto Ariadne auf Naxos gelesen. Bekanntlich wurde es von Richard Strauss vertont. Die Musik ist mir unbehaglich, aber Hofmannsthals Dichtung finde ich anregend. Die Insel Naxos als Sinnbild der Einsamkeit gibt zu denken. Wenn ich nun meine bequeme Existenz in diesem Palais Meyer, wie Du einst mein Haus benanntest, mit Ariadnes Überleben auf der "wüsten Insel" Naxos angleiche, so begebe ich mich auf eine zweite Gratwanderung, diese zwischen dem ungebührlichen Beklagen und Bemitleiden meines Lebens einerseits, und andererseits einer frivolen und läppischen Missachtung der schwierigen Stellung in der ich mich tatsächlich befinde. Die Betrachtung meiner Beziehungen zu meinen Enkelkindern überzeugt mich dass die Einsamkeit des Alters "normal", natürlich, unentrinnbar ist; weil sie auf des Altersunterschieds unvermeidbaren Folgen beruht: das Amt des Enkels ist die Vorbereitung auf das Leben, hingegen ist das Amt des Großvaters, das Aufräumen mit dem Leben und die Vorbereitung auf den Tod. Der Großvater erscheint den Enkeln nun als Vorbote des Todes, und deshalb vermeiden sie die Begegnung mit ihm, um vom Zusammensein ganz zu schweigen. Die weitere Folgerung aus meinen Überlegungen von meiner Einsamkeit und meinem Briefschreiben an mich selber, ist das mein an mich gerichtetes Schreiben, sei es in Briefen, Gedichten oder Romankapiteln in zunehmendem Maß meine Person, meine Vorstellung von mir selber, bezeichnet, mein "objektives" Ich, wenn Du mir erlaubst ein solches Trugbild vorzuschlagen. Wenn in jüngeren Jahren dies Trugbild sich aus der Anerkennung meiner Lehrer und meiner Kollegen ergab, aus der Zufriedenheit meiner Patienten, und vornehmlich aus Margarets unerschütterlicher Zuwendung, aus Kostbarkeiten von denen heute abend nichts mehr übrig bleibt, so erhält mich von nun an, jetzt am Ende, ob gut oder schlecht, mein Dichten. Der Halt welche mir diese Tätigkeit bietet ist unabhängig von ihrem "objektiven" Wert, geschweige denn von der Zahl der Leser. Dass meine Texte mir selbst zu lesen zur Verfügung stehen, dass ich Gelegenheit habe mich selbst in ihnen wiederzuerkennen, genügt. Nun liebe Gertraud, warum sollte es Dir der Mühe wert sein, einen so phantasmagorischen Brief zu beantworten? Meine Schwellenfrage: Ist mir mein Entschluss in diesem Brief Dir jegliche unliebsame "Philosophie" zu ersparen, gelungen? Möglicherweise wäre mir ein vernünftiger Brief so unmöglich wie einem Betrunkenen oder anderweitig Besessenen. Allenfalls hab ich versucht nüchtern zu schreiben. Den überspannten Segen lasse ich aus, und begnüge mich mit ganz gewöhnlichen "herzlichen Grüßen" an Dich und an Bernd. Jochen