Lieber Jochen, Dank für Deine Zeilen vom 10. Dezember, auf den rechten Weg gebracht am 6. Januar, und den Brief vom 12. Februar. Ich bin ja so froh, dass Dir nichts zugestoßen war sondern nur eine Verwechslung vorlag. Genährt wurde meine Sorge durch Deinen Brief vom 20. Juni, in dem du berichtest, dass Du Deinen Sohn allein vom 320 km entfernten Flughafen abholen wollest. ist das nicht ein wenig zu viel für einen hochbetagten Autofahrer? Ich fahre ja selbst nicht Auto- in Amerika sicher unmöglich, auch bei uns nicht häufig. Aber während meines Berufslebens hatte ich den Vorzug, in der Nähe der Häuser zu wohnen, in denen ich tätig war. Unser einziges Auto benutzte stets mein Mann. So fehlte mir die Übung, und gepaart mit meiner Ängstlichkeit begnügte ich mich mit dem Fahrrad. Jedoch bemerke ich als Beifahrerin, dass Hartmuts Reaktionsgeschwingigkeit im Verkehr allmählich abnimmt. Er fährt auch nicht mehr gerne sehr lange Strecken, und er ist 11 Jahre jünger als Du. Ich sehe sehr wohl ein, dass Autofahren für die altersmüden Gelenke angenehmer ist, aber muss es denn so weit sein? Genug davon, jetzt freuen wir uns auf den Frühling. Es gibt zwar noch Nachtfrost, aber die Vögel huschen zwitschernd munter durch den Garten uns sammeln eifrig Zweige und Halme für den Nestbau. Schneeglöckchen und Krokusse setzen bunte Tupfen auf die Beete. Anfang Februar war ich mit Freunden eine Woche auf der spanischen Mittelmeerinsel Mallorca, die hier ein wenig berüchtigt ist ober ihrer hochsommerlichen Strand-Saufgelage der deutschen Touristen. Davon ist im Winter nichts zu spüren, die Strände sind noch leer, und an den Orangenbäumen leuchten die Zitrusfrüchte. In Valdemossa versuchte Chopin vor 180 Jahren vergeblich, seine Tb auszukurieren, aber er bewohnte im Kloster ein romantisches Zimmer mit wunderschönem Blick über das Tal in die Berge. Fortan werde ich mich bei seiner Musik an diesen reizvollen Ausblick erinnern. Apropos Musik, Nathaniel hat mir zu meinem freudigen Erstaunen zweimal geantwortet und bemüht sich um einen Platz an einer der beiden Musikhochschulen in Berlin. Es wäre schön, dann hätte ich wieder eine sinnvolle Aufgabe, ihm das Leben hier angenehm und bequem zu machen. Mein schönstes Erlebnis im letzten Jahr war sein kleines Blaskonzert in den Choriner Klostermauern. Das hättest Du hören sollen. Ich bin bestrebt, mäglichst jede Woche an einem der zahllosen Kuturangebote in Berlin teilzunehmen. Gestern war es in der Philharmonie ein Konzert der "Kyoto Ryoyo Windband". 70 junge BläserInnen spielten frisch und gekonnt Altes und Modernes aus der ganzen Welt, beginnend mit Tannhäuser und endend mit Gustav Holst. Es war eine Freude, dem Musizieren zu lauschen und in die jungen ernsthaften Gesichter der OberschülerInnen zu sehen. Auch eine Tanzeinlage im japanischen Tanzstil war eindrucksvoll: gemessenen, fließende Bewegungen der in üppig bestickte Gewänder gehüllten Tänzer, ein schöner Gegensatz zu den oftmals zuckenden, halb- oder ganz nackten Tänzern in modernen westlichen Choreographien. Heute habe ich ein kleines Osterpäckchen auf den Weg geschickt, das Dich ein wenig erfreuen soll. Viel größer ist wohl meine Freude über Deine Briefe mit den klugen Gedanken und Worten in vollendeter Sprache. Martin Walser, der in diesen Tagen 90 Jahre alt wird, hat gesagt: "Schreiben ist der andauernde Zwang, dem unaufhörlichen Daseinsschmerz nicht das letzte Wort zu lassen". Die spürbaren Wunden, die wir Menschen der Natur zufügen und die grotesken Auswüchse der Politikersprache verstärken unsere Sorgen und Schmerzen. Gut, daß wir nicht ewig leben müssen. Zunächst jedoch freue ich mich auf Deine nächsten Zeilen, ohne Dich drängen zu wollen, ich warte gedudig. Dir , auch Nathaniel und der ganzen Familie wünsch ich ein schönes Osterfest! Margret ======================= Lieber Jochen, Dank für Deine Zeilen vom 10. Dezember, auf den rechten Weg gebracht am 6. Januar, und den Brief vom 12. Februar. Ich bin ja so froh, dass Dir nichts zugestoßen war sondern nur eine Verwechslung vorlag. Genährt wurde meine Sorge durch Deinen Brief vom 20. Juni, in dem du berichtest, dass Du Deinen Sohn allein vom 320 km entfernten Flughafen abholen wollest. ist das nicht ein wenig zu viel für einen hochbetagten Autofahrer? Ich fahre ja selbst nicht Auto- in Amerika sicher unmöglich, auch bei uns nicht häufig. Aber während meines Berufslebens hatte ich den Vorzug, in der Nähe der Häuser zu wohnen, in denen ich tätig war. Unser einziges Auto benutzte stets mein Mann. So fehlte mir die Übung, und gepaart mit meiner Ängstlichkeit begnügte ich mich mit dem Fahrrad. Jedoch bemerke ich als Beifahrerin, dass Hartmuts Reaktionsgeschwingigkeit im Verkehr allmählich abnimmt. Er fährt auch nicht mehr gerne sehr lange Strecken, und er ist 11 Jahre jünger als Du. Ich sehe sehr wohl ein, dass Autofahren für die altersmüden Gelenke angenehmer ist, aber muss es denn so weit sein? Genug davon, jetzt freuen wir uns auf den Frühling. Es gibt zwar noch Nachtfrost, aber die Vögel huschen zwitschernd munter durch den Garten uns sammeln eifrig Zweige und Halme für den Nestbau. Schneeglöckchen und Krokusse setzen bunte Tupfen auf die Beete. Anfang Februar war ich mit Freunden eine Woche auf der spanischen Mittelmeerinsel Mallorca, die hier ein wenig berüchtigt ist ober ihrer hochsommerlichen Strand-Saufgelage der deutschen Touristen. Davon ist im Winter nichts zu spüren, die Strände sind noch leer, und an den Orangenbäumen leuchten die Zitrusfrüchte. In Valdemossa versuchte Chopin vor 180 Jahren vergeblich, seine Tb auszukurieren, aber er bewohnte im Kloster ein romantisches Zimmer mit wunderschönem Blick über das Tal in die Berge. Fortan werde ich mich bei seiner Musik an diesen reizvollen Ausblick erinnern. Apropos Musik, Nathaniel hat mir zu meinem freudigen Erstaunen zweimal geantwortet und bemüht sich um einen Platz an einer der beiden Musikhochschulen in Berlin. Es wäre schön, dann hätte ich wieder eine sinnvolle Aufgabe, ihm das Leben hier angenehm und bequem zu machen. Mein schönstes Erlebnis im letzten Jahr war sein kleines Blaskonzert in den Choriner Klostermauern. Das hättest Du hören sollen. Ich bin bestrebt, mäglichst jede Woche an einem der zahllosen Kuturangebote in Berlin teilzunehmen. Gestern war es in der Philharmonie ein Konzert der "Kyoto Ryoyo Windband". 70 junge BläserInnen spielten frisch und gekonnt Altes und Modernes aus der ganzen Welt, beginnend mit Tannhäuser und endend mit Gustav Holst. Es war eine Freude, dem Musizieren zu lauschen und in die jungen ernsthaften Gesichter der OberschülerInnen zu sehen. Auch eine Tanzeinlage im japanischen Tanzstil war eindrucksvoll: gemessenen, fließende Bewegungen der in üppig bestickte Gewänder gehüllten Tänzer, ein schöner Gegensatz zu den oftmals zuckenden, halb- oder ganz nackten Tänzern in modernen westlichen Choreographien. Heute habe ich ein kleines Osterpäckchen auf den Weg geschickt, das Dich ein wenig erfreuen soll. Viel größer ist wohl meine Freude über Deine Briefe mit den klugen Gedanken und Worten in vollendeter Sprache. Martin Walser, der in diesen Tagen 90 Jahre alt wird, hat gesagt: "Schreiben ist der andauernde Zwang, dem unaufhörlichen Daseinsschmerz nicht das letzte Wort zu lassen". Die spürbaren Wunden, die wir Menschen der Natur zufügen und die grotesken Auswüchse der Politikersprache verstärken unsere Sorgen und Schmerzen. Gut, daß wir nicht ewig leben müssen. Zunächst jedoch freue ich mich auf Deine nächsten Zeilen, ohne Dich drängen zu wollen, ich warte gedudig. Dir , auch Nathaniel und der ganzen Familie wünsch ich ein schönes Osterfest! Margret