Lieber Herr Nielsen, Zu dem Brief welche ich Ihnen vor kurzem mit elektronischer Geschwindigkeit zukommen ließ, erlauben Sie mir bitte eine Korrektur. Ich erwähnte Bogna Bartosz. Die singt nicht wie ich schrieb in einer Wiener Matthäuspassionsaufführung, sondern in den Niederlanden unter Ton Koopmans Direktion. Ich erwähnte die Möglichkeit, mittels "Youtube", wechselseitiger Betrachtungen "von ungemeiner Akribie auf den verschiedensten Gebieten" wie etwa "der musikalischen und schauspielerischen Ästhetik und Erotik." Auf diesen Gefilden glänzt die künstliche Wirklichkeit der Sprache möglicherweise mehr blendend als irgendwo sonst. Mir scheint dass das Wahrgenommene seine eigene Ästhetik in sich schließt; eben so wie die Erotik, was immer dies Wort besagen möchte, dem Erleben wo sie vermeintlich zum Ausdruck kommt, in bündigster Weise Zeugnis und Erklärung bietet. In jedem Falle, dient das "ästhetische" oder das "erotische" Erleben als seine eigene, und als die einzig mögliche Erklärung; und die Versuche dies Erleben anderweitig begrifflich zu deuten würden statt dessen nur dazu taugen es zu verzerren und zu verhüllen. Betreffs der Erläuterung von Erotik, sehe ich zwei Ausgangspunkte: Erstens die These Freuds, dass alles erotische Bestreben auf der geschlechtlichen Körperlichkeit beruht, und durch diese erklärt zu werden vermag. Zweitens, die These Platons von Diotimas Mund (am Ende des Gastmahls ausgesprochen), alles erotische Bestreben sei Ausdruck der Unvollkommenheit des einzelnen Menschenwesens, und des folgerichtigen Dranges zur Vervollkommnung, die Bedürfnisse der körperlichen Geschlechtlichkeit einbeschlossen. Insofern Freud der Erotik der Kunst ihren Raum gewährt, und insofern Diotima der Erotik des Leibes das Bestehen, sehe ich keinen Widerspruch, lediglich unvoraussehbare Unbestimmtheiten, welche darauf zurückzuführen sind, dass wir als einzelne Menschen uns von einander unterscheiden, und demgemäß unterschiedliche Bedürfnisse zum Ausdruck bringen. Meinem Erleben entsprechen auch eine negative Erotik und eine negative Ästhetik, insofern als viele Werke der Kunst, - um mich der Worte meines vor dreißig Jahren verstorbenen Vaters zu bedienen, - "mit mir nichts zutun haben", so wie ich auch mit der großen Mehrzahl der Frauen die mir begegnen, lieber nichts zu tun haben möchte. Damit ist das für mich Entscheidende ausgesprochen.