Lieber Herr Nielsen, Erlauben Sie mir, meinen Brief von gestern fortzusetzen. Wenn ich an Cristina denke, wenn ich mir ihr Bild vor Augen führe und den Klang ihres Cellos zu hören meine, wenn ich Cristinas außerordentlich begabte Mutter erinnere, die ihren melodischen Mädchennamen Ariadne Canetti nicht aufzugeben vermochte, und nun als Ariadne Basili-Canetti die Musikschule von Klosterneuburg an der Donau mit mehr als fünfzig Lehrern und mehr als tausend Schülern verwaltet, eine Mutter die ihr einziges Kind von frühestem Alter zu einer hervorragenden Künstlerin dressiert hat, ein Kind das nun vereinsamt, wie es mein Sonett beschreibt, sich vor einer bewundernden Hörerschaft hinter ihrem Cello verbirgt; und wenn ich nun vergleichsweise an mich selber denke, der ich mein Leben lang bedauert habe nicht, wie Cristina, Musiker geworden zu sein, fange ich endlich an zu begreifen, dass mir als Kind, statt des Musikunterrichts den ich entbehrte, eine außerordentliche Freiheit beschert war, eine Ungebundenheit die meinem Geist Gelegenheit gab sich nach eigenen inneren Gesetzen zu entfalten. Wie dumm von mir, statt dankbar für was ich habe, unzufrieden zu sein weil ich meine, etwas vielleicht viel weniger beseligendes zu entbehren. Wie taub von mir, den Beifall Jean Jacques Rousseaus zu überhören! Ist Ihnen "Youtube" ein Begriff? Zugegeben, das Neuwort "Youtube" ist eine willkürliche, barbarisch unstimmige Beisteuer zu unserem Wortschatz. Die als "Youtube" bezeichnete Einrichtung im Internet jedoch, wie viel Unrat sie nebenbei enthalten möchte, ist mir ein verlockend verzaubertes Museum der Musik meiner Kindheit, wo die Stimmen von Karl Erb, von Heinrich Schlussnus,und vor allem von Gerhard Hüsch, Beethovens "An die ferne Geliebte," die Schubert Lieder, die Winterreise und die Schöne Müllerin, immer wieder aufs Neue verhallen, wie einst von dem alten "Telefunken" Plattenspieler den es uns gelang nach südwest Virginia zu retten. Vielleicht bemerkenswerter, dass "Youtube" nicht nur den Klang, sondern zugleich die bildliche Wiedergabe zeitgenössischer Konzerte bietet; und in mancher Hinsicht eindrucksvoller noch als das Beiwohnen der Aufführungen im Konzertsaal oder in der Kirche. Denn die Musiker, der Dirigent, die Solisten und vor allem die Sänger und Sängerinnen erscheinen auf dem Bildschirm des Rechners in unvergleichbar eindrucksvoller Genauigkeit und Nähe; so dass nunmehr die ausführenden Musiker Schauspieler und Schauspielerinnen auf einer unmittelbaren Bühne sind. Das gilt vor allem für das akrobatische Tanzen der Dirigenten. Nikolaus Harnoncourt und Ton Koopman ins besondere haben es mir angetan. Auch Instrumentalsolisten werden sich zunehmend ihrer Erscheinungen auf dem Bildschirn bewusst. Von den Sängern beeindrucken mich besonders Fischer-Dieskau und Klaus Mertens. Unter den Sängerinnen erinnere ich mich gern an die Altistin Bernarda Fink, Tochter einer aus Slovenien vor den Russen nach Argentinien geflohenen Rechtsanwaltsfamilie. Bernarda singt die großen Arien, "Bereite dich Zion," "Schlafe, mein Liebster," und "Schließe mein Herze dies selige Wunder," bei einer Weihnachtsoratoriums- aufführung 1999, unter Sir John Eliot Gardiner, in der Herderkirche in Weimar. Eine andere Altistin die mich wegen ihrer schlichten Bescheidenheit begeistert, heißt Bogna Bartosz, stammt aus dem polnischen Danzig und singt in einer Matthäuspassionsaufführung unter Harnoncourt, - ich glaube in Wien 2005. Ihr Vortrag der Arie: "Erbarme Dich mein Gott, um meiner Zähren willen," ruft mir jenen Freitag Abend in Bethlehem, im Mai 1949, ins Gedächtnis als meine künftige Frau und ich den Worten der Matthäuspassion zum ersten Mal zusammen folgten; und sie mir sagte, dies sei die Arie welche sie am tiefsten bewegte. All diese Erwägungen im Rahmen der Aufführung des Dvorak Cellokonzerts, das wir, Sie und ich, um Weihnachten zusammen hörten, eine Aufführung welche nun die Schauspielkunst und die Lebenskunst als widerstreitende oder als sich gegenseitig unterstützende Erscheinungen unseres Erlebens auf der Bühne des Bewusstseins auftreten lässt. - Nebenbei bitte ich Sie meine Tändelei mit einem barocken Schreibstil zu entschuldigen. - Unverkennbar aber ist, dass ich im bewussten Leben - und auch im vorgestellten Sterben - dem Schauspiel nicht zu entkommen vermag, und dass nur in der Aufführung, nur im Vortrag, sei er gedanklich oder musikalisch, mir des Lebens Inhalt zugänglich wird. Das verstand Shakespeare vielleicht besser noch als Goethe, der bekanntlich seinen Romanhelden auf der Bühne als Hamlet ins Leben einzuführen vorschlug. Ich erwähne diese Youtube Künstler ins besondere, weil ihre Aufführungen uns beiden, Ihnen, Herr Nielsen, und mir, unmittelbar zugänglich sind und uns zu wechselseitigen Betrachtungen von ungemeiner Akribie auf den verschiedensten Gebieten befähigen; nämlich auf den Gebieten der musikalischen und schauspielerischen Aesthetik und Erotik. Da gibt es sehr viel zu erwägen, falls es für Sie von Interesse wäre. Genug für heute. Den dritten Teil meines Briefes will ich aufschieben, wenn nur aus vielleicht vorgetäuschter Bescheidenheit. Inzwischen Ihnen beiden weitere herzliche Grüße. Jochen Meyer