Lieber Herr Nielsen, Kaum mehr als zehn Stunden sind vergangen seit Ihr verständnisvoller Brief, wofür herzlichen Dank! in meinem elektronischen Postkasten erschien, indessen mein Schreibmaschinengeist sich umgehend zu einer Antwort rüstete. Eine schlaflose Nacht liegt hinter mir, Schlaflosigkeit keineswegs von Ihrem Brief verursacht, - im Gegenteil - Ihre übliche Großzügigkeit betreffs meiner literarischen Aufbegehren ist geeignet was das tägliche Hin-und-her an Unruhe stiftet zu besänftigen. Die Schuld für die Schlaflosigkeit der vergangenen Nacht gebührt den zwei Gläsern Riesling - aus Kaliforniens Napa Valley statt aus dem Moseltal - mit denen ich vorm Zubettgehen um zwei Uhr morgens, auf leeren Magen, den Aufruhr meines Innersten heraufbeschwörte, ein loderndes Sotbrennen das ich mit einer so großen Anzahl Kalk-Magnesium Tabletten zu löschen versuchte dass auch der Darm sich der Empörung des Magens gesellte und mit Durchfall protestierte. Nun sitze ich über die Tastatur des Rechners gebeugt, und beschäftige mich mit der Frage ob ich Ihnen schreiben soll dass ich einschlafe oder dass ich ausschlafe. Inzwischen ist es wieder dunkel. Der lichte Tag ist vergangen. Ich hab ihn mit Büroarbeit verbracht; habe für meines Sohnes Unterschrift einen Brief aufgesetzt, und schließlich an 35 verschiedene Klempner auf der Insel Nantucket adressiert in Hoffnung vielleicht doch einen Einzigen zu finden der bereit wäre die mir selbst nun gerichtlich endgültig verbotene Klempnerarbeit zu verrichten. Seit Jahren herrscht ein Klempnerboykott gegen mich der die Fertigstellung des Hauses vereitelt. Meinem Sohn und meiner Schwiegertochter ist viel an diesem Ferienhaus gelegen. Mir selbst liegt wenig an dem Anwesen; aber sehr viel an der Zusammenarbeit mit meinem Sohn. Die Gerichtsabenteuer fand ich viel interessanter und sinnvoller als alle Klempnerarbeit. Zugegeben, nominell hab ich den Prozess verloren, aber was möchte es denn heißen mit 87 Jahren das Recht zum Bau einer Klempneranlage zu erwerben, eine Anstrengung die mir körperlich schon längst nicht mehr möglich ist? Ich wünsche ich hätte Zeit und Kraft zu einer neuen Theorie der Gesellschaft und des Staates, die den Beschränkungen des Menschseins getreu und gerecht wäre, statt dieses mit verantwortungslosen idealischen Ansprüchen zu leugnen und zu verspotten. Für mein Sonett von der Cellistin habe ich eine andere Erklärung. Es bietet ein Bild nicht von ihr, sondern von mir. Es ist ein Spiegel worin nicht das Bild Cristina Basilis erscheint, sondern das Bild meiner selbst, fünfzehn Monate nach dem Tod meiner Frau, vereinsamt. Ich beklage mit Unrecht, Cristina habe nicht "ein einz'ges Mal an mich gedacht." Warum sollte sie das? Warum vermag ich nicht mit der Einsamkeit die mich umnebelt zufrieden zu sein? Das versuche ich nun, und micht dünkt, mit einigem Erfolg. Auch Cristina scheint mir eine einsame Frau zu sein. Ich frage, hat ihr Cello sie vereinsamt? Oder ist ihr das Cello ein Hort der sie vor der Einsamkeit schützt? Sie wünschte eine Beziehung zu mir, aber die einzige die ich ihr anzubieten hatte und die ich ihr anbot war die Beziehung der Enkelin zum Großvater; denn wenn der Natur gemäß dem Großvater eine unbeschränkte Anzahl von Enkelkindern zusteht, warum sollte nicht auch dem Enkelkind eine unbeschränkte Anzahl möglicher Großväter gegönnt sein? Leider nicht. Es mangelt an Symmetrie. Das Amt des Enkels ist die Vorbereitung für das Leben. Das Amt des Großvaters ist die Vorbereitung für das Sterben. Aus diesem Widerspruch ergibt sich die unvermeidliche Enttäuschung jeder Beziehung welche den Altersunterschied verschmäht. Der Großvater sehnt sich nach der Jugend des Enkels; aber für den Enkel, oder in diesem Falle, für die Enkelin, kommt der Tag an dem die Täuschung endet und sie mit Schrecken den Großvater für den Vorboten des Todes der er ist erkennen muss. Es sollte mich wundern, lieber Herr Nielsen, wenn nicht auch Sie diese unerbittlichen und zuweilen schmerzhaften Grenzen der großväterlichen Beziehungen erlebt hätten. Nun ist's schon viertel vor ein Uhr morgens; und ich hätte Ihnen gern noch über so manches geschwafelt, wie etwa über die strenge Disziplin (Paideia) des Musizierens, über die Erscheinung der Diotima am Ende von Platons Gastmahl, über Reiz und Gesang, über die Erotik des Sokrates. Für morgen vormittags haben sich zwei Patienten gemeldet. Vielleicht gibt der Nachmittag Gelegenheit meinen Brief fortzusetzen. Inzwischen erst einmal herzliche Grüße an Sie beide. Jochen Meyer