Lieber Herr Nielsen, Heute ist der dritte Jahrestag unsres Briefwechsels. Besinne mich wie Sie damals, als meine Frau noch lebte, bei uns im Esszimmer saßen, und betreffs der Frauenstädt Schopenhauer Ausgabe die dort im Regal steht, bemerkten es sei dieselbe wie die Ihre. Der Zufall kommt mir heute Nachmittag in den Sinn weil ich wieder einmal ein Paar Stunden mit dem Lesen in Welt als Wille und Vorstellung vertan habe, und gerechten Geistes die "Vorstellung" hege, dies sei ein Thema, - im Gegensatz zu meinen lüsternen und frevlerischen Kommentaren über die verkappte Geschlechtlichkeit im Neuen Testament - das auch Sie interessieren möchte. Seit Jahren beschäftigt mich hin und wieder die Frage der Beziehung jener so bemerkenswerten Überschrift: Welt als Wille und Vorstellung, zu dem Grundbegriff meines eigenen Denkens, die einzig mir zugängliche Wirklichkeit sei Jetzt und Hier. Frage mich weshalb ich aus den Schriften des so tief in deutscher Philosophie belesenen Kierkegaard, den Namen Schopenhauer nicht erinnere. War es weil Kierkegaard von Schopenhauer nichts wusste, oder so viel wusste, dass er ihm nicht traute. Jedes Mal wenn ich die Vorreden zur Welt als Wille und Vorstellung überlese, beeindruckt mich Schopenhauers historisches Bewusstsein, das Bedürfnis eine hohe - tatsächlich die oberste - Stelle in der Rangordnung deutscher Philosophen zu behaupten; beeindruckt mich der Widerspruch zwischen dem Bestreben selbst als "welt-historisch" erkannt zu werden, weil man entdeckt zu haben meint, dass diese welt-historische Bedeutung unwesentlich und unbedeutend ist, nichts mehr als eine substanzlose Vorstellung. Für meine Empfinden gilt Schopenhauers grenzenloses Geltungsbedürfnis als die Beschränkung, wenn nicht gar die Widerrufung seines Evangeliums. Denn in der Welt als "Vorstellung" ist der Ruhm nichts als leeres Phantom. Wenn ich Schopenhauers Erwägungen im Licht (oder im Schatten) meines eigenen Verständnisses überlege, frage ich mich, ob ich dem Phänomen der Sprache eine übermäßige Bedeutung beimesse, mit meinen Überzeugungen, 1) dass Sprache eine von Natur gegebene Fähigkeit ist; 2) dass Sprache aus dem Zusammen- (oder Gegeneinander-) wirken von zweien oder mehreren Menschen entsteht, und somit wesentlich Ausdruck der Gesellschaft ist. Dann gäbe es vielleicht eine Hierarchie von Vorstellungen: am niedrigsten oder am höchsten die Vorstellung von der Welt welche der Einzelne in seiner (unvermeidlichen, naturgegebenen) Abgetrenntheit von der Gesellschaft hegt; diese im Gegensatz zu der Vielheit möglicher, sich unablässlich wechselnder Weltvorstellungen der Gesellschaft, die sich aus dem Zusammen-leben und -wirken der Menschen ergibt. Bei einer Hierarchie von Vorstellungen wäre die Vorstellung welche ich hege, die eigene Vorstellung also, nicht Vorstellung einer "wirklichen" Welt, sondern lediglich meine Vorstellung von mir anderweitig unerreichbaren Gesellschaftsvorstellungen. Wenn ich Schopenhauer recht verstehe, betrachtet er die Welt als die eigene Vorstellung eines jeden Menschen; behandelt dann aber diese Vorstellung als einen (objektiven) Gegenstand der die wirkliche Welt mir ersetzt. Betreffs der Gegenständlichkeit der Vorstellung vermag ich Schopenhauer nicht beizupflichten. Ich würde nicht von "Vorstellung" sondern von vorstellen schreiben. Das Vorstellen der Welt ist eine Tätigkeit, wie das Sehen und das Hören. Das Vorstellen muss von der Vorstellung als dem Vorgestellten getrennt bleiben, ebenso wie das Sehen von dem Gesehenen und das Hören von dem Gehörten unterschieden bleiben müssen. Denn das Vorgestellte, das Gesehene, das Gehörte sind objektiv, sind gegenständlich und vermögen von anderen zur selben Zeit, mögen von uns allen zu verschiedenen Zeiten wahrgenommen werden. Indessen sind Vorstellen, Sehen, Hören einmalig und einzigartig. Demgemäß sind Mitteilung der objektiven Vorstellung (als des Vorgestellten) von der Mitteilung des subjektiven Vorstellens zu unterscheiden. Der Gegenstand (das Objekt) wird mitgeteilt indem er zur Wahrnehmung vorgestellt wird. Die (subjektive) Tätigkeit aber wird in der Ausübung mitgeteilt, durch unbewusste und eigentlich auch unbeabsichtigte Nachahmung die zur Angleichung, zur Homoiosis führt. Wie so oft, hat Goethe den Vorgang bündig erklärt: Wagner: Ach! wenn man so in sein Museum gebannt ist, Und sieht die Welt kaum einen Feiertag, Kaum durch ein Fernglas, nur von weitem, Wie soll man sie durch Überredung leiten? Faust: Wenn ihr's nicht fühlt, ihr werdet's nicht erjagen, Wenn es nicht aus der Seele dringt Und mit urkräftigem Behagen Die Herzen aller Hörer zwingt. Sitzt ihr nur immer! leimt zusammen, Braut ein Ragout von andrer Schmaus Und blast die kümmerlichen Flammen Aus eurem Aschenhäuschen 'raus! Bewundrung von Kindern und Affen, Wenn euch darnach der Gaumen steht – Doch werdet ihr nie Herz zu Herzen schaffen, Wenn es euch nicht von Herzen geht. Lieber Herr Nielsen, Ich bin besorgt Sie meinen Schrullen zu belästigen. Wollten Sie denn das alles Wissen? Aber die herzlichen Grüße an Sie beiden, die sollen allenfalls gelten. Jochen Meyer