Lieber Herr Nielsen, Heute ist der dritte Jahrestag unsres Briefwechsels. Besinne mich wie Sie damals, als meine Frau noch lebte, bei uns im Esszimmer saßen, und betreffs der Frauenstädt Schopenhauer Ausgabe die dort im Regal steht, bemerkten es sei dieselbe wie die Ihre. Der Zufall kommt mir heute Nachmittag in den Sinn weil ich wieder einmal ein Paar Stunden mit lesen in Welt als Wille und Vorstellung vertan habe, und gerechten Geistes die "Vorstellung" hege, dies sei ein Thema, - im Gegensatz zu meinen lüsternen und frevlerischen Erwägungen betreffs der verkappten Erotik im Neuen Testament - das auch Sie interessieren möchte. Im Verlauf der Jahre ist's mir von Zeit zu Zeit aufgefallen, dass die Behauptung von Welt als Wille und Vorstellung sich in hohem Maße mit der existentiellen Bezeichnung von Wirklichkeit als Jetzt und Hier zu decken scheint. Frage mich, ob Kierkegaard von Schopenhauer keine Notiz nahm, weil er ihn nicht kannte, oder weil er ihm nicht traute. Frage mich, warum man nicht Schopenhauer als dem Gründer des Existentialismus ein Denkmal weihen sollte? Schon in dieser Frage, meine ich eine Antwort zu finden. Denn mit seinem betonten Anspruch auf historische Anerkennung widerlegt sich Schopenhauer; denn er verlangte nicht als subjektiv vorgestellte Berühmtheit, sondern als objektiv wirkliche geistige Größe, gewertet zu werden. Beides geht nicht. Entweder, lieber Arthur, Du wirst objektiv berühmt. Dann strafst Du mit Deiner Ruhmessucht Deine Einsicht, meine Welt sei nichts als meine Vorstellung, lügen. Denn was kümmerte Dich die Welt meiner Vorstellungen? Dein Verlangen berühmt zu werden enthüllt Deine Philosophie als Propaganda die Du selbst nicht glaubst. q.e.d. (Oder hab ich mich ein weiteres Mal übernommen?)