Lieber Herr Nielsen, In zehn Tagen werden drei Jahre vom Beginn unsres Briefwechsels vergangen sein. Vorgestern fügte ich die Korrespondenz seit vergangenem November der dritten Reihenfolge hinzu, welche etwa 124 Seiten beträgt. Im ersten Jahr waren es 461 Seiten, und im zweiten Jahr 307, Seiten. Insgesamt sind es 893 Seiten Briefwechsel, die mich zu beträchtlicher Dankbarkeit für Ihre Nachsicht und Geduld mit mir und meinen Schrullen verpflichten. Die Frage welche ich Ihnen in meinem letzten Brief stellte, ob ich mich von dichterischer Freiheit zu Geschmacklosigkeiten verleiten ließ, wenn ich es mir erlaubte, angebetete Gestalten unsrer religiösen Überlieferungen, ins Besondere Maria und Joseph als Vertreter geschlechtlichen Erlebens auf der Bühne meines schriftstellerischen Eifers auftreten zu lassen. Ein großes gefährliches Thema, besonders wenn es ein Vorwort zur Betrachtung der abwesenden Geschlechtlich- keiten Jehovahs und seines Christus würde. Ich weiß es nicht. Hab' die Antwort auf meine Frage noch nicht gefunden. Vermute jedoch mit dem Zweifel um geschlechtslose Gottheiten auf eine Frage von außerordentlicher Bedeutung gestoßen zu sein, insofern als vielleicht diese Frage ein Schlüssel zum Verständnis der eigenen Geschlechtlichkeit sein möchte. Ein Thema das, soweit ich mich besinne unter den großen deutschen Schriftstellern nur Kleist - mit seiner Penthesilea, - um von Amphytrions Nebelbuhler zu schweigen, - und Goethe zu erörtern wagten. Bei Lessing, Schiller und Büchner keine Spur. Mit Hebbel und Grillparzer bin ich ungenügend vertraut mir auch nur die Erwähnung zu erlauben. Was Goethe anbelangt, so hab ich es ihm nie vergeben dass er mir mir seiner Walpurgisnacht den Brocken und den ganzen Harz verunreinigt hat. Es mag die Stumpfheit meines eigenen Gefühls bezeugen, dass sich die Helena in Faust II mir als eine lebenslose Liebespuppe vorstellt. Der Gesang der vollendeteren Engel: "Uns bleibt ein Erdenrest Zu tragen peinlich, Und wär er von Asbest, Er ist nicht reinlich." - Faust II, Vers 11954 ff. bezieht sich, wenn ich nicht irre, auf Fausts Gebeine. Hingegen dünkt mich Gretchen als fromme Sündern die mit der Mater Dolorosa auf Himmelsbahnen auf und abschwebt als begünstigt eben jenes Asbests der Faust vorenthalten war. Wenn ich ihn recht verstehe, wird auch für Goethe die Geschlechtlichkeit in christlichen - im Gegensatz zu islamischen - höheren Regionen, sublimiert, verdunstet, zerstäubt - und nicht mehr zu erkennen. Und ich? Wohin denn ich? Weiß nichts als mit Hölderlins Abendphantasie zu schließen: Wohin denn ich? Es leben die Sterblichen Von Lohn und Arbeit; wechselnd in Müh' und Ruh' Ist alles freudig; warum schläft denn Nimmer nur mir in der Brust der Stachel? Am Abendhimmel blühet ein Frühling auf; Unzählig blühn die Rosen und ruhig scheint Die goldne Welt; o dorthin nimmt mich Purpurne Wolken! und möge droben In Licht und Luft zerrinnen mir Lieb' und Leid! – Doch, wie verscheucht von töriger Bitte, flieht Der Zauber; dunkel wirds und einsam Unter dem Himmel, wie immer, bin ich – Komm du nun, sanfter Schlummer! zu viel begehrt Das Herz; doch endlich, Jugend! verglühst du ja, Du ruhelose, träumerische! Friedlich und heiter ist dann das Alter. Ihnen beiden herzliche Grüße, Jochen Meyer