Lieber Herr Nielsen, dass ich Ihren gestrigen Brief so umgehend beantworte bedarf der Entschuldigung. Die Erklärung ist Wirtschaftlichkeit. Was mir durch den Kopf zieht in Echtzeit niederzuschreiben ist besser als es erst einmal zu vergessen und später zu versuchen es ins Gedächtnis zurückzuzitieren. Ihrer Betrachtung dass meine Erwähnung von Einsamkeit vieldeutig ist, stimme ich zu. Einsam zu sein scheint mir eine allgemeine und sehr schöne Eigenschaft unserer Leben. Unzufriedenheit - mit fast allem, auch mit unsrer Einsamkeit - ist letzten Endes unser Schicksal. Zur Zeit beschäftigen mich der siebte, längst niedergeschriebene, und der achte, bis jetzt nur im Kopfe bestehende, Band meiner Romanserie. Beide Bände sind Kommentare zu gesellschaftlicher, im Gegensatz zu verinnerlichter Existenz. Der siebte Band befasst sich mit - wenn Sie mir die herbe Ausdrucksweise erlauben - der Hurerei der Universität. Da wird eine Gewerbeschule für angehende Köche und Köchinnen beschrieben, die sich als Aletheia University profiliert, und sich der anderen benachbarten mehr bekannten Hochschule welche nur das Wort Veritas im Wappen trägt überlegen brüstet weil der griechische Ausdruck vornehmer und gelehrter als der lateinische ist. Da die Kochkunst es auf die Sinnen abgesehen hat, verlangt die Aletheia Universität von den mehr begehrenswerten ihrer Studentinnen sich zu propädeutischen "Sinnlichkeitsübungen" zu prostituieren, nicht nur als Vorbereitung für den Beruf, sondern zur gleichen Zeit zur Abtragung erpresserischer Studiengebühren. Der achte Band ist beabsichtigt die Hurerei der Gerichtsbarkeit in Gesprächen zwischen den Handlungsträgern des Romans darzustellen. Ich erinnere den Ausspruch eines erfahrenen Rechtsanwalts der mir vor Jahren erklärte: "The appeals courts are the madams that keep the whores." Bin im Begriff zu diesem Thema die vielen Belege zusammenzustellen die sich aus den achtjährigen Rechtsstreitigkeiten um meine Klempneranlage auf Nantucket ergeben haben. Hurerei an sich betrachte ich als die erzwungene aber letzthin unvermeidbare Entidealisierung der geschlechtlichen Beziehungen unter den Menschen. Man soll mit diesem Worte vorsichtig umgehen, und vorsichtig mit ihm umzugehen will ich versuchen. Mit siebenundachtig Jahren hat man ein tieferes Verständnis für die Geschlechtlichkeit und ihre Geheimnisse als mit siebzehn oder auch nur siebenzwanzig. Während der Weihnachtszeit hab ich viele Spätabendstunden wo ich zum Schreiben zu müde war, mit dem Anschauen und Anhören von Internet Bild- und Tonübertragungen des Weihnachtsoratoriums verbracht. Teils aus Erinnerungsgründen. Es war bei einer Aufführung dieser Musik im Mai 1946, dass ich meiner künftigen Frau zum ersten Mal begegnete. Hauptsächlich, weil mich die Musik begeistert. Den Darstellungen von athletischen Dirigenten, artigen Geigern, gehorsamen Chören, reizenden Solistinnen wurden dann auch Renaissance und Barock Gemälde der heiligen Krippe mit Heiland, Maria und Joseph inmitten des andächtigen Viehs, wiederholt eingeschoben, bis mir schließlich ein vielleicht unheiliges Licht aufging. Ohne Ausnahme hatten die Künstler der Malerei sich den Joseph, den vermeintlichen Stiefvater des Kleinen, als Greis vorgestellt, oft kahlköpfig mit ein paar weißen Haarsträhnen, ähnlich dem was ich selber im Spiegel sehe. Da wurde mir schließlich klar: das Weihnachtsgeschenk für diesen Mann war nicht der hilflose linkische Säugling. Sein Weihnachtsgeschenk war die von dieser Bürde entbundene anmutige junge Frau. Das finde ich ist zureichender Grund für einen Mann in meiner Situation mich zum Katholizismus zu bekehren. Meine spröden Eltern hätten meine Unzucht angeprangt. Die aber wird meine Unflätigkeit nicht mehr schmerzen; sie liegen längst unter der Erde. Vor Jahren meinte ich zu entdecken, und bin inzwischen davon überzeugt, dass das Wesentlichste das dem Schreiben im Wege steht, die Selbstzensur ist, die vermeintliche Notwendigkeit mich um Erlaubnis anzugehen, meine Gedanken und Gefühle schriftlich auszuarbeiten und festzulegen. Das tue ich nun schon seit langer Zeit nicht mehr. Ich schreibe was mir in den Sinn kommt. Zensur kann nicht meine, sie soll Ihre Aufgabe sein. Ich bitte Sie, lesen Sie die letzten 14 Sonetten, Seiten 174 bis 186, http://home.earthlink.net/~ej4meyer/20151120_Sonnets01.pdf urteilen Sie ob so etwas verboten sein müsste, und wenn nötig verbieten Sie es und verurteilen Sie mich und mein Schreiben. Dafür wäre ich Ihnen aufs Äußerste dankbar! Niemals zu spät für einen Index Librorum Prohibitorum. Mein Seelenheil steht auf dem Spiel. Trotzdem oder ausgerechnet deshalb, Ihnen und Ihrer Frau meine herzlichen (und peinlich probaten) Grüße. Jochen Meyer