Liebe Herr Nielsen, Unsere Korrespondenz soll nicht vertrocknen. Deshalb schreibe ich Ihnen obgleich ich nichts Dringendes zu berichten habe. Zwar ist der Impuls zum Schreiben wenn irgend, reger und heftiger ist als je; mit dem Merkmal jedoch dass mein Schreiben in steigendem Maß nicht an einen möglichen künftigen Leser gerichtet ist, wie zum Beispiel Sie, sondern an mich selber. Durchaus vergleichbar mit dem Monolog den man zuweilen ins eigene Gemüt diktiert. Mir scheint, dass der Monolog im Schreiben nicht weniger als der Monolog im Sprechen an die Grenze des Krankhaften führt, zumindest in jenen Fällen wo er diese noch nicht überschritten hat. Meine Diagnose, welche Sie keineswegs als Klage hören sollten, lediglich als Erklärung, ist das vereinsamte Leben das sich mir seit dem Tod meiner Frau entwickelt hat. Als junger unverheirateter Mensch hatte ich mich auf lebenslange Einsamkeit eingestellt, Einsamkeit die mir dann durch die märchenhafte Ehe für dreiundsechzig Jahre erlassen wurde; eine Einsamkeit mir aus Kindeszeiten vertraut, auf die ich mich jetzt im hohen Alter vorbereitet fühle und von der ich meine dass sie mir gebührt. Weit entfernt, dass ich sie bedauerte. Ein erbauliches Thema für unsere Korrespondenz ist Einsamkeit freilich nicht; und doch hab ich heute an diesem schneeigen Nachmittag nichts mehr Geselliges anzubieten. Meine Existenz ergießt sich in meinen Versuchen zu schreiben, und was ich schreibe, da es abgesehen von einem gelegentlichen Brief wie diesem, nur an mich selbst gerichtet ist, scheint mir gemäß des eigentlichen alt-griechischen Sinns dieses schicksalhaften Wortes, zunehmend "idiotisch", (ἰδιώτης meint ursprünglich auf sich selbst bezogen) eine Tatsache an der ich nichts zu ändern vermag und betreffs der ich nichts tun kann als mich entschuldigen. Bin mir der verschiedensten Alterserscheinungen lebhaft bewusst, weiß aber dass mir unter Umständen das Wissen um die senile Geistesschwäche erspart ist. Die festzustellen wäre letzten Endes Ihre Aufgabe. Ihr Sohn, bei dem ich mich wegen Ihres Wohlaufseins erkundigte, berichtete mir Ihre Besorgnisse um die Gesundheit einer nahen Verwandten, wenn ich ihn recht verstand, Ihrer Schwester, seiner Tante. Ich meine ahnen zu können wie schwer die Last mit welcher solche Sorgen das Gemüt beschweren, und bitte Sie sich zu keiner Antwort gedrängt zu fühlen. Vorm Fenster waltet ein Schneegestöber. Der Frühling lässt auf sich warten. Herzliche Grüße an Sie beide. Jochen Meyer