Liebe Margret, Irgendwie hab ich ein schlechtes Gewissen unserer Korrespondenz nicht gerecht zu werden. Meinen Brief vom Dezember hatte ich, wie erwähnt, an die falsche e-mail Adresse gerichtet. Zu der Ergänzung die ich versprach, war ich noch nicht gekommen, obwohl der Impuls zum Schreiben wenn irgend, reger und heftiger ist als je; mit dem Unterschied jedoch dass mein Schreiben in steigendem Maß nicht an eine mögliche künftige Leserin gerichtet ist, wie zum Beispiel Dich, sondern an mich selber. Durchaus vergleichbar mit dem Monolog den man zuweilen ins eigene Gemüt diktiert. Mir scheint, dass der Monolog im Schreiben nicht weniger als der Monolog im Sprechen an die Grenze des Krankhaften führt, zumindest in jenen Fällen wo er diese noch nicht überschritten hat. Meine Diagnose, welche Du keineswegs als Klage hören solltest, lediglich als Erklärung, ist das vereinsamte Leben das sich mir seit dem Tod meiner Frau entwickelt hat. Als junger unverheirateter Mensch hatte ich mich auf lebenslange Einsamkeit eingestellt, Einsamkeit die mir dann durch die märchenhafte Ehe für dreiundsechzig Jahre erlassen wurde; eine Einsamkeit mir aus Kindeszeiten vertraut, auf die ich mich jetzt im hohen Alter vorbereitet fühle und von der ich meine dass sie mir gebührt. Weit entfernt, dass ich sie bedauerte. Ein erbauliches Thema für unsere Korrespondenz ist Einsamkeit freilich nicht; und doch hab ich nichts mehr geselliges anzubieten. Nathaniel, an dessen Lebenslauf Ihr einen so verständnis- und liebevollen Anteil nehmt, bewirbt sich für eine Stelle als Hilfsdirigent (assistant conductor) beim Minneapolis Symphony Orchestra. Bei so vielfältiger Konkurrenz ist es wahrscheinlich dass er sich ein weiteres Mal mit Enttäuschung abfinden muss. Er hat längst gelernt, sich jenseits der verschmerzten Enttäuschung neue Ziele zu stecken. Die Konzerte in denen Nathaniel diesen Winter in unserer Umgegend, in Belmont, Cambridge und Newton das von ihm vor sechs Jahren gegründete Orchester dirigiert hat, haben ihm viel Anerkennung (aber kein Geld) eingebracht. Nathaniel strahlt von Charisma und begeistert die Mitglieder seines Orchesters zu ihrer unbezahlten Mitarbeit. Im Hintergrund ist und bleibt Berlin die Stadt seiner Träume. Dafür haben wir, er und ich, Euch zu danken. Was mich selber anbelangt, so versuche ich zu schreiben, und was ich schreibe, da es abgesehen von einem gelegentlichen Brief wie diesem, nur an mich selbst gerichtet ist, scheint mir gemäß des eigentlichen alt-griechischen Sinns dieses schicksalhaften Wortes, zunehmend "idiotisch", (ἰδιώτης meint ursprünglich auf sich selbst bezogen.) eine Tatsache an der ich nichts zu ändern vermag und betreffs der ich nichts tun kann als mich entschuldigen. Bin mir der verschiedensten Alterserscheinungen lebhaft bewusst, weiß aber dass mir unter Umständen das Wissen um die senile Geistesschwäche erspart ist. Die festzustellen ist letzten Endes Deine Aufgabe. Vorm Fenster waltet ein Schneegestöber. Der Frühling lässt auf sich warten. Herzliche Grüße an Euch alle. Jochen