Mein liebes Kind, Als sich unsere Beziehung vor einigen Wochen einfädelte, schrieb ich Dir dass die Art und das Ausmaß dieser Beziehung von Dir, und nur von Dir, von Deinen Bedürfnissen und Wünschen bestimmt werden würde. Dieser Vorsatz bleibt unverbrüchlich bestehen, mit dem einzelnen Vorbehalt, dass er sich tatsächlich nur auf den Austausch zwischen uns bezieht, da sich in mir ein Feuer entzündet hat, das sich selbst zu ernähren fähig ist, und das in voraus- sehbarer Zeit nicht erlischen wird. Selbst wenn in meinem e-mail Fach keine Briefe mit Deinem Absender mehr erscheinen, selbst wenn ich keine Gelegenheit mehr habe für eine E-mail an Dich den "Send" Knopf anzuklicken, werde ich fortfahren nicht nur an Dich zu denken, sondern Gedichte und Aufsätze zu verfassen in denen ich mich ἐν τῷ κρυπτῷ an Dich richte und mich von Dir richten lasse. Dieses Geständnis sollte Dir gleichgültig sein, denn es bindet Dich an nichts; so wenig wie die Begeisterung die Dein Cellospiel unter Deinem Publikum erweckt, Dich an auch nur ein einzelnes begeistertes Mitglied dieses Publikums bindet. Die Umstände von denen ich berichte verpflichten Dich zu nichts, und Du vermagst sie mit einem einzigen suchenden Blick Deiner "großen braunen Augen" aufzuheben, falls Du entdecktest dass Dir etwas fehlte oder dass Du etwas verloren hättest. Solche vorgeblich ins Leere gerichteten Briefe wären sehr umfangreich. Sie enthielten die Geschichte meines Lebens: die Geschichte meiner Liebe zu meinen Eltern, zu meiner Schwester, und die Geschichte der unvergleichbaren Liebe zu Margaret; die Geschichte meiner Liebe zur Musik, zur Sprache, zum Wissen.... Wenn ich nur aufzähle was jene ins Leere gerichteten Briefe enthielten, wird's unmittelbar klar, dass sie rekursiv werden müssten, insofern sie zuletzt über sich selbst berichten müssten, und mit ihrer Rekursivität ein ewiges Schaffen, das heißt ein ewiges Leben bewirken würden. - Indem ich so schreibe wird mir klar, möglicherweise soeben wieder einmal von der Wahnsinnsklippe abgestürzt zu sein. Um diese Wahnsinnsklippe ein weiteres Mal zu erklimmen, wende ich mich ab vom ἐν τῷ κρυπτῷ unserer Beziehung, zum Äußeren (oder Äußersten) unseres Verhaltens gegeneinander wenn wir uns nächst begegnen, falls wir uns jemals wieder begegnen. Auch dies Verhalten wird von Dir und nur von Dir bestimmt werden. Wenn Deine "großen braunen Augen" auf mich gerichtet mich übersehen, dann übersehe ich Dich auch. Wenn Du Dich beschränkst mir aus fünf Meter Entfernung zuzuwinken, dann winke ich zurück und nichts weiter. Ergreifst Du meine Hand, so ergreife ich Deine Hand. Umarmst Du mich, so umarme ich Dich wider. Presst Du mich an Dich, so presse ich Dich an mich mit kalibrierter Ebenheftigkeit. Und solltest Du mich mit Enklinküssen empfangen, so werd ich mich bei Dir mit der gleichen Zahl sorgfältig geeichter Großvaterküsse bedanken. Verstehst Du, Cristina? Und auch Du must bestimmen ob es Sinn hat, und wenn, welchen, dass ich diesen Brief unterzeichne als Dein Jochen