Liebe Cristina, Bitte entschuldige dass ich Dich schon wieder mit einem Brief belästige. Ich sehne mich nach einer Unterhaltung mit Dir und Du musst mir zugeben: es ist die denkbar harmloseste Sehnsucht die mit einem Brief gestillt zu werden vermag, mit einem Brief den Du nicht einmal zu lesen brauchst, geschweige denn dass Du auch nur die geringste Verpflichtung hättest ihn zu beantworten: einen Brief der vielleicht nicht einmal abgesandt zu werden verlangt. Versteh meinen Drang zum Schreiben vergleichbar mit Deiner Liebe zur Musik; zugegeben dass Deine Musik um vieles wertvoller ist. Heute Abend hab ich der letzten Probe für Nathaniels jüngstes Konzert beigewohnt. Wie Du wahrscheinlich von ihm erfahren hast, Beethovens Tripelkonzert und Mendelssohns Symphonie Nr. 5. Beide Stücke machen mir viel Freude. Nathaniels Charisma nimmt von Monat zu Monat zu. Zwischen ihm und vielen seiner Musikern scheint eine fast zärtliche Liebe zu walten. Im Auto auf dem Rückweg wie auf dem Hinweg hab ich mein Diktat Deines Briefes auf dem Plattenspieler angehört, eigenartige, liebliche Musik die mich jetzt zum Nachdenken ins besondere betreffs Dank und Dankbarkeit bewegt. Wie ich dir vormals schrieb, mir scheint dass die Worte nichts bestimmbar Gegenständliches bezeichnen. Sie sind Gefäße vielleicht geeignet unsere Erleben, oder genauer, die Distillate dieser Erleben vorübergehend in sich aufzunehmen. Was ich Dir jetzt über Dankbarkeit und Dank schreibe, magst Du als Variationen auf ein Thema von Nietzsche betrachten, Das Thema "Oh meine Seele, ich gab dir Alles, und alle meine Hände sind an dich leer geworden: – und nun! Nun sagst du mir lächelnd und voll Schwermuth: »Wer von uns hat zu danken? – – hat der Geber nicht zu danken, dass der Nehmende nahm? Ist Schenken nicht eine Nothdurft? Ist Nehmen nicht – Erbarmen?« –" (Friedrich Wilhelm Nietzsche: Also sprach Zarathustra ? Ein Buch für Alle und Keinen - Kapitel 69 Von der grossen Sehnsucht) Variation I - Am Morgen der Liebe Wenn Du auch nur angefangen hast in meinen Sonetten zu lesen, weißt Du etwas vom Wunder meiner glücklichen ungetrübten dreiundsechzig Jahre währenden Ehe mit Margaret McPhedran. Sie wurde am 29. Juli 1924 geboren und starb am 14. Oktober 2015. Ihr Vater Frederic Maurice McPhedran war ein aus Kanada in die USA eingewanderter tuberkulöser Tuberkulosenarzt, ein sehr geistreicher, intelligenter und außergewöhnlich barmherziger Mensch mit einem Gefolge dankbarer PatientInnen. Einer dieser Patientinnen - vielleicht war sie auch Mutter oder Ehefrau eines Patienten, hieß Frau Kaufmann, und war wegen mangelnder Sprachkenntnisse in ihrer Danksagung an ihren Arzt behindert. Frau Kaufmann hatte statt eines englischen, einen deutschen Brief des Dankes an ihren Arzt geschrieben. Diesen Brief und die Bitte ihn zu übersetzen wurde im dritten Sommer meiner bis dahin geheimgehaltenen Liebe von meiner Geliebten bei ihrem ersten Besuch in mein Elternhaus mitgebracht, und wurde nicht nur mir sondern auch meiner alles verstehenden und alles wissenden, oder jedenfalls alles wissenwollenden Mutter unterbreitet. Die Übersetzung war unbeschwerlich. Aber die Überschwänglichkeit mit welcher die Patientin ihren Arzt mit Dank überschüttete bedrückte mich und bewog mich zu weiteren Überlegungen betreffs Dankbarkeit. Ich behauptete dass der Dank dem Arzt eine viel zu schwere menschliche Last auflegte; denn nicht jeder Tuberkulose-Patient würde genesen, mancher würde an einem Rückfall sterben; und wie sollte sich dann der Arzt vom ungebührlichen Dank am Rande des Grabes befreien? Meine Mutter, die als Arztfrau gewohnt war nicht nur die Dollarscheine sondern auch die an ihren Gatten gerichteten Dankesbezeugungen einzukassieren, war von meinen Ausführungen dass nur dem Gott im Himmel der Dank für die Genesung des Patienten gebührte, empört und schalt mich wie üblich, wegen meiner unorthodoxen Ideen. Margaret, da sie den häuslichen Frieden über alles schätzte, stimmte mit ihrer künftigen Schwiegermutter überein; versicherte mich aber dann unter vier Augen, dass sie auch meinen Standpunkt verstünde. Der hat sich im Laufe der Jahre nicht geändert und kam später in einer völlig unbeachteten und unverstandenen Veröffentlichung erneut zum Ausdruck. http://home.earthlink.net/~ernstmeyer/glaucoma/letter04.html Variation II - Dank im Geschäft Für Frau Kaufmann - der Name ist keine poetische Erfindung, so hieß sie wirklich, für Frau Kaufmann war, wenn ihr Weltbild ihrem Namen entsprach, Quid-pro-quo das Urgesetz des Lebens, und Dank bedeutete dementsprechend die selbstverständliche Vergütung, Ausgleich für gelieferte Ware oder erhaltene Dienste. Doch ist lediglich Dank offensichtlich meistens eine ungenügende Bezahlung. Jedermann will - und muss für seine Arbeit mit Geld bezahlt werden. Mit Dank kann man die Miete, die Heizung, die Kleidung und die Lebensmittel nicht bezahlen. In dieser Perspektive ist Danksagung ein Witz, eine Beleidigung. Wenn wir uns trotzdem bedanken, tun wir es um die Gefühllosigkeit, die Herzlosigkeit, die Brutalität die unter uns herrschen, die anderweitig unerträglich wären, zu verdecken. Variation III - Dank gegen Gott Dem gemeinsamen, dem äußerlichen, dem Gesellschaftsgott gebührt als öffentlicher Dank das Opfer, vornehmlich das Auslöschen eines Lebens. Ursprünglich das Leben eines Menschen. Mit fortschreitender zivilisatorischer Aufklärung wird das Menschenopfer wie auf dem Berge Moriah durch das Leben eines Tieres ersetzt. Ein Hinweis dass der Mensch auch das Tierleben nur als Abglanz des eigenen Leben zu verstehen vermag. Aber auch das Tieropfer ist im Grunde Ersatz für die Hingabe des eigenen Lebens. Wie der Kapitän im überfüllten Rettungsboot, tötet man dem wütenden Neptun zum Opfer den Mitmenschen statt sich selbst. Hingegen, Der Dank gegen den inneren, unaussprechbaren Gott bedarf keines Opfers. Denn der innere Gott ist, laut dem Sonett, "dein Ich dem du den Rücken kehrst." Dir selbst brauchst Du Dich keineswegs zu opfern. Dank gegen den inneren Gott ist deshalb eine andere Sache, ist durchaus zulässig und vernünftig. Denn Dank gegen den inneren Gott besagt dass Du mit seiner Welt und mit Dir selbst zufrieden bist. Eine Welt mit der Du zufrieden bist braucht nicht bekämpft zu werden. Daher der Friede. Dieser Dank ist der Abglanz eines inwendigen Verhältnisses. Er besagt des dankbaren Menschen harmonische Beziehung zu sich selbst, zur Welt, zu dem Göttlichen welches das selbst und die Welt einbeschließt. Variation IV - Meine Dankbarkeit Meine Dankbarkeit Deinen Eltern und besonders Dir gegenüber erkläre ich mir heute Abend als Dankbarkeit dass Ihr Euch nicht an mir ärgertet und besonders dass Du Dich bis jetzt, so viel ich weiß, nicht an mir geärgert hast. Der Ärger den ich bei vielen Menschen in größerem oder minderem Grade verursache und mein Leben lang verursacht habe, ist Ärger nicht weil ich dieses oder jedes falsch getan habe sondern weil ich der Mensch bin der ich bin. Man betrachtet mich nicht selten als ein Skandal. Die literarische Vorlage ist in der Bibel (dergemäß die Nachfolge, Imitatio Christi, nicht nur nicht verboten sondern empfohlen wird). [6] καὶ μακάριός ἐστιν ὃς ἂν μὴ σκανδαλισθῇ ἐν ἐμοί. und selig ist, der sich nicht an mir ärgert. Matthäus 11:6. Die Übersetzung von Dank dass man nicht Gegenstand des Ärgers ist, wäre Dank dass man Gegenstand des Wohlwollens ist - um das Liebewort zu vermeiden. Das ist die schlichte, einfache und ich hoffe wahrhaftige Erklärung meiner Dankbarkeit gegenüber Marco und Ariadne und Dir. * * * * * * Der belesene Kapitän von dem Du berichtest und dessen Tugendhaftigkeit Du in Frage stellst weil er zehn Passagiere aus dem sinkenden Rettungsboot ins eiskalte Wasser warf um neunzig andere (und sich selber) zu retten, vollzog einen Opfergang nach den Vorschriften von Jeremy Bentham der dem Kapitän und uns befahl in Hinsicht auf das größte Wohl der größten Zahl - the greatest good of the greatest number - zu handeln. Der Fehler wurde im Volkswirtschaftsseminar auf der Uni begangen wo man den Kapitän lehrte die ihm anvertrauten Passagiere nicht subjectiv (als Seelen) sondern objektiv (als Zahlen) zu betrachten und sich selber als Regenten des Meeres. Dergleichen Irrlehren gemäß werden menschliche Beziehungen zu unlöslichen Verknotungen. Wäre der Kapitän ein gläubiger Mensch gewesen, hätte er davon abgesehen die Welt mathematisch zu richten, und wäre aus Liebe zu seinen Mündeln mit der Anweisung "Wer sich retten will, der folge mir nach" als erster ins Wasser gesprungen. In diesem wegen meinem Geiz ungeheizten Haus, hab ich kalte Finger, kalte Füße, ein heißes Herz und bin und bleibe Dein Jochen