Liebe Cristina, Die Physiker kennen das Phänomen der Beharrung, und weil sie sich göttergleich wähnen, meinen sie ein Gesetz der Beharrung entdeckt zu haben. (Tatsächlich sind Gesetze, alle Gesetze, Erfindungen nicht Entdeckungen, Erfindungen nicht des göttlichen sondern des menschlichen Geistes, - insofern es einen Unterschied gäbe.) Beharrung beheißt Beständigkeit. Was sich bewegt will in Bewegung bleiben und was ruht will in Ruhe bleiben - und in Ruhe gelassen werden. Im Englischen heißt's inertia. Bemerkenswert finde ich dass in dem Wörterbuch das ich bevorzuge Inertia vorerst mit Ermüdung, dann mit Trägheit verdeutscht wird; indessen ist Beharrung doch auch eine sehr treffende Bezeichnung für die fortwährenden Begeisterungen und Wahnvorstellungen des irrsinnigen Denkers. In Bezug auf den persischen Dichter Hafis hat Goethe ein wunderbares Gedicht über Dichterbeharrung geschrieben: Daß du nicht enden kannst, das macht dich groß, Und daß du nie beginnst, das ist dein Los. Dein Lied ist drehend wie das Sterngewölbe, Anfang und Ende immerfort dasselbe, Und was die Mitte bringt, ist offenbar Das, was zu Ende bleibt und anfangs war. All dies als Vorwort zur Forsetzung meines Schreibens von gestern, bei dem ich an die entscheidenden Vorstellungen gereicht war welche sich dennoch der Tastatur widersetzten. Ich meine die unentrinnbare Dialektik des inwendigen und des auswendigen Gottes, die unentrinnbare Dialektik des einzelnen Menschen und der Gesellschaft die den Menschen erzeugt und erhält. (Wenn Du möchtest dass wir die Sprache ein wenig erweitern steh ich Dir zu Diensten, und schreibe Dir von der unentrinnbaren Dialektik der inwendigen und der auswendigen Göttin, der einzelnen Menschin und der Gesellschaft die die Menschinnen erzeugt und erhält.) Aber bei aller Witzelei woll'n wir das Wesentliche, den Gegensatz von Innen und Außen nicht vergessen, einen Gegensatz der mich zugleich begeistert und erschreckt wenn Du, Dein Cello, Deine Musik vor mir von der Bühne erklingen und Hören und Sehen mir vergehen. Im Hinblick auf Hölderlins Patmos (und in Erinnerung eigenen Dichtens) möchte ich in diesem Zusammenhang bemerken, dass der Entwurf des Gedichtes nicht ein Zusammenleimen von bestimmten Themen, Erfahrungen oder Erlebnissen ist, von Bestandteilen welche sich hinterher unter Aufsicht (oder mit Einsicht) der ProfessorIn "analysieren" lässt. Vielmehr sind das Gedicht, und genauer bedacht unsere Sprache überhaupt, ein unerklärliches sich Ergießen des (Heiligen) Geistes aus den unscheinbaren Quellen der Seele. Ausdruck der innersten Besonderheit des Einzelnen und zugleich Zeugnis seiner Verflechtung in das zusammen Sein der Menschheit. Es ist halb ein Uhr nachtmittags; Zeit Atem zu holen, Frühstück! aufzustöbern und Dir zuletzt zu verraten wer ich eigentlich bin, nämlich: Dein Jochen