Liebe Cristine, Inzwischen wird mein Brief von heute Morgen Dich mit Lichtgeschwindigkeit erreicht haben, und Du wirst über mich lächeln oder lachen, oder vielleicht vom Brechreiz bewegt, würgen, vielleicht sogar erbrechen; aber gewiss nicht weinen. Ich weiß nicht ob was ich schrieb klug oder unklug war; nun aber steht es geschrieben wie ich's geschrieben habe. Das ist das Wesen, das Schicksal des geschriebenen Wortes. Auch bin ich Dir eine Erklärung für die fast ununterbrochene Fortsetzung meines Briefes schuldig. Beim Abendessen soeben hab ich ein weiteres Mal Deinen Brief gehört, und während meine fast zahnlosen Kiefer einige von den schmackhaften Mohrrüben die Ihr mir hinterließt zermalmten, knabberte mein Gemüt an den Gedanken und Vorstellungen die Du mir gestern zusandtest. Ich erfuhr dass ich noch manches dazu zu sagen hätte und möchte. Was mir in den Sinn kommt verwelkt aber sehr schnell, weshalb ich mich gedrängt fühle es aufzuschreiben eh es verschwunden ist. Wann ich Dich mit dem Absenden dieses Briefes belästige, wenn überhaupt, ob eh ich Antwort auf den vorigen bekommen habe, weiß ich jetzt noch nicht. Vorerst erlaube mir Dir zu erklären, weshalb ich zu Deinen Ausführungen in Deinem Brief so kärglich Stellung genommen habe. Dies nicht, weil ich Deine Gedanken nicht schätze, oder weil ich sie zu "kritisieren" nicht der Mühe wert halte. Im Gegenteil, es ist weil ich Dein Denken als so schön, als so wertvoll empfinde dass ich mich scheue es zu berühren. Lass mich Dir bitte erklären, dass ich mir eine unübliche Hermeneutik erlaube. Die gewöhnliche Meinung ist dass es in allen Dingen eine bestimmbare "Wahrheit" gibt und dass unsere Worte unserer Ausführungen, dieser Wahrheit gerecht zu werden vermögen; dass unsere Feststellungen entweder wahr oder falsch sind. Ich hingegen bin der Überzeugung - und dies ist die Hermeneutik die ich predige - es dass unabhängig von unseren Aussagungen überhaupt keine Wahrheit gibt; dass unsere Aussagungen die Wahrheit überhaupt erst schaffen. Ins Besondere, dass Dein gestriger Brief an mich seine eigene besondere Wahrheit verwirklicht, eine Wahrheit die ich besonders schätze weil sie Deine Wahrheit ist, und von der ich deshalb kein Iota abziehen möchte. Im Verlauf unserer Korrespondenz, wenn sie währt, werde ich Dir erzählen was ich gesehen und gehört, was ich erlebt habe. Es ist denkbar was ich Dir dann über mein Erleben von Dankbarkeit, Schuld, Sünde, Güte, Bosheit, Schönheit, Hässlichkeit, Hass und Liebe mitzuteilen vermag, dass all dies im Ganzen oder zum Teil in Deinem Gemüt ein neues Erleben stiftet, - oder auch nicht. Jetzt bin ich fast 87 Jahre alt. Seit ich etwa 12 Jahre alt war hab ich meine Tage mit dem bewussten Versuch verbracht, die Welt in der ich lebe, meine Familie, vor allem aber mich selber, mein eigenes Erleben zu verstehen. Meine Eltern haben mich in die Literatur eingeweiht; und von Rilke habe ich viel gelernt: 1) Das was geschieht hat einen solchen Vorsprung vor unserm Meinen dass wir's nie einholen, und nie erfahren wie es wirklich aussah. (Requiem für Kalckreuth) 2) Das ist der Sinn von allem was einst war, dass es nicht bleibt in seiner ganzen Schwere, dass es zu unserm Wesen wiederkehre, in uns verwoben tief und wunderbar. (Der Sänger singt vor einem Fürstenkind) 3) Die Siege laden ihn nicht ein. Sein Wachstum ist der tief besiegte von immer Größerem zu sein. (Der Schauende). 4) Die findigen Tiere merken es schon dass wir nicht sehr verlässlich zuhaus sind in der gedeuteten Welt. (Duineser Elegie I) Diese letzte Einsicht nicht verlässlich in der gedeuteten Welt zuhaus zu sein, war die Saat einer längeren schriftlichen Bemühung meiner Jugend der ich den Titel gab: Der Ursprung des Zweifels an der gedeuteten Welt aus dem ethischen und ästhetischen Bewusstsein. Eine erweiterte Ausführung auf Englisch benannte ich: Ethical and Esthetic Consciousness as Sources of Doubt. Meine Bemühungen fanden weder Leser noch Verleger. Ich begnügte mich mit den Bestätigungen meiner Einsichten welche mir meine berufliche Tätigkeit erst als Praktischer, dann als Augenarzt gewährte. Mit dem hohen Wert welche Du und ich dem Zweifel beimessen, stimmen wir beide mit einander überein. Nun stand ich vor der großen Aufgabe, diesen meinen neu entdeckten und mit jugendlicher Begeisterung behaupteten Zweifel in ein allgemein anwendbares Denkverfahren umzusetzen. Es war nicht leicht. In Angesicht der herrschenden Dogmatik des Logischen Positivismus war es besonders schwierig. Ich prüfte mein Verstehen an den Gedanken Søren Kierkegaards und meinte zu entdecken dass Kierkegaards Zweifel an der gedeuteten Welt, die er als das Welt-historische bezeichnete, sich auf sein religiöses Erleben beschränkte, ins Besondere auf die ihm seelisch notwendige Gleichzeitigkeit im Erleben (Samtidighet) mit Jesus. Einen Versuch seine Einsicht in die Notwendigkeit des Unmittelbaren auf die Weltgeschichte und ihre Geisteswissenschaften auszustrecken hat Kierkegaard nie gemacht, geschweige denn dass er sich an die Dogmatik der Naturwissenschaften gewagt hätte. Die Lösung dieser Problematik welche mir am triftigsten erscheint ist eine gründliche entidealisierende Bestimmung des jeweils Bewussten: der Beschluss dass mein tatsächliches sich auf die Gegenwart beziehendes Bewusstsein sich als flüchtig und eng begrenzt ergibt, und dass mein Erkennen der Welt wie Schopenhauer behauptet eine idealisierende Vorstellung ist auf welche ich mich nicht verlassen kann weil sie fortwährender Entidealisierung unterliegt. Mit diesen paar Sätzen, liebe Cristina, fürchte ich mich als einen langwierigen deutschen Philosophen alten Schlages entpuppt zu haben. Den Versuch mein Denken in akademisch verkleideten Aufsätzen anzubieten hab ich längst aufgegeben. Seit einigen Jahren versuche ich mich in Parodien des platonischen Philosophierens indem ich Romane schreibe wo ich den erdachten Personen Gelegenheit gebe über philosophische Themen zu diskutieren. So besonders im vierten Band der Vier Freunde, "Die Insel". In den siebten Band den ich so bald wie möglich schreiben möchte, beabsichige ich weitläufige Gespräche über Ethik, über gesellschaftliches und politisches Betragen einzufügen. Ich habe mich überzeugt, dass klassische philosophische Schriften unverständlich bleiben bis man lernt sie als unterschiedliche Ausdrucksformen des menschlichen Sprachvermögens zu verstehen. Es gibt eine begriffliche Wirklichkeit die von Geschlecht zu Geschlecht übertragen wird, welche nur verständlich wird wenn man sie als Ausdruck und Vergegenständlichung der Sprache deutet. Es gibt ein Verständnis der Welt welche nicht in trockener mathematisch-logischer Prosa zum Ausdruck gebracht werden kann; welches zu seiner Mitteilung des Gedichts bedarf. In dem Versuch dies Verständnis mitzuteilen, hab ich begonnen "philosophische" Sonetten zu dichten. Was sich aus diesem Versuch ergeben wird weiß ich noch nicht; weiß aber dass es halb ein Uhr morgens ist, Zeit Dich für meine Dummheiten um Entschuldigung zu bitten, Dir Gute Nacht zu sagen, und ins Bett zu gehen. Dein Jochen