Lieber Herr Nielsen, Ihnen und Ihrer Frau ein gesundes glückliches Neues Jahr. Ich hoffe sehr dass das Ausfallen von Nachrichten aus Heidelberg nichts ärgeres bedeutet als anderweitige wesentlichere Beschäftigung; denn dass der scheinbar nimmer endende Austausch von Briefen einen abnehmenden Grenzwert hat, scheint mir selbstverständlich. Bin mir der Gefahr des unwillkürlichen sich Wiederholens bewusst, welche das unvermeidliche Abflauen des Altersgedächtnis nach sich zieht, möchte nach Möglichkeit vermeiden Sie mit sinnlosem Geschreibsel zu belästigen. Die überaus angenehmen Besucher aus Wien sind am 8. Januar zurück nach Europa geflogen. Sie haben mich wiederholt inständig gebeten sie im Sommer in Wien zu besuchen; heute Abend jedoch scheint es mir besonders in Anbetracht meines stark behinderten Spazierengehens unwahrscheinlich dass ich mich in der Lage finden werde diese Einladung anzunehmen. Gestern kam Nachricht von der Appeals Court, dass mein Revisionsantrag abgelehnt ist. Es mag als Merkmal der Verdrehung meiner Gefühle gedeutet werden, dass diese Ablehnung mich keineswegs betrübte, sondern unerwartete Erleichterung, um nicht zu schreiben Genugtuung auslöste, insofern als es mich von der Verpflichtung befreite dies politisch so schwierige Bauunternehmen fortzusetzen. Mein Sohn, der meinen bisherigen Bemühungen nicht unkritisch gegenübersteht, möchte Gelegenheit haben seine eigenen politischen Fähigkeiten auf die Probe zu stellen. Dies mit meinem Segen und mit unbeschränkter Hilfsbereitschaft meinerseits soweit sie erwünscht sein möchte. Meinem Enkel Nathaniel ist eine Dirigentenstelle an der örtlichen Musikschule, the Powers' School, angeboten. Ich habe ihm geraten dies Angebot anzunehmen, unter dem Gesichtspunkt, dass es ihm die Möglichkeit bietet durch die Entwicklung eines erstklassigen Orchesters sich eine bedeutende Stellung im hiesigen Musikbereich zu erarbeiten. Ich selber habe verschiedene weitere Sonetten geschrieben, welche Sie, wenn interessiert, von meinem Netzort unter //home.earthlink.net/~ej4meyer/20151120_Sonnets01.pdf abrufen können. Außerdem hat ich mich das von mir so oft zitierte Hölderlin Gedicht "Patmos" weiterhin beschäftigt: Nah ist Und schwer zu fassen der Gott. Wo aber Gefahr ist, wächst Das Rettende auch. Im Finstern wohnen Die Adler und furchtlos gehn Die Söhne der Alpen über den Abgrund weg Auf leichtgebaueten Brücken. Drum, da gehäuft sind rings Die Gipfel der Zeit, und die Liebsten Nah wohnen, ermattend auf Getrenntesten Bergen, So gib unschuldig Wasser, O Fittige gib uns, treuesten Sinns Hinüberzugehn und wiederzukehren. Im Laufe der Jahre hab ich mir dies Gedicht immer wieder, meist im Stillen, manchmal aber auch laut vorgelesen oder aus dem Gedächtnis aufgesagt. Mir drängt es sich als Reisegedicht ersten Ranges auf, denn Patmos möchte sinnbildlich der entfernteste Ort sein, wohin ich mich wagte; und im Halbtraum neulich Nacht verschmolzen die entlegensten Stätten, Patmos und Wien und Heidelberg und Braunschweig als vorstellbare Orte der Offenbarung. Denn unverkennbar ist es, dass wo immer ich mich gegenwärtig befinde, ich mir keine Offenbarung vorstellen kann. Offenbarung liegt, ihrem Wesen gemäß, in der Ferne; und die Unerreichbarkeit der Ferne bewirkt der Offenbarung Transzendentalität. Patmos ist die kleine Insel im Ägäischen Meer wo der heilige Johannes die Offenbarung der kosmischen Zeitlichkeit empfing. Mit seiner Hymne an Patmos bringt Hölderlin sein Bedürfnis diese Offenbarung des Johannes nachzuvollziehen zum Ausdruck. Die ersten beiden Zeilen des Gedichts: Nah ist Und schwer zu fassen der Gott. spiegeln die Enschlossenheit der deutschen Philosophen, worunter Hölderlin der tiefste und unerkannteste ist, ihr Denken auf einem Urgrund zu befestigen, das heißt, auf Gott. Nietzsche hat es erklärt: "Man hat nur das Wort »Tübinger Stift« auszusprechen, um zu begreifen, was die deutsche Philosophie im Grunde ist – eine hinterlistige Theologie." Dass Gott dem Menschen "nah" sein sollte, hat Hölderlin gelernt von Mystikern wie Angelus Silesius und seiner Predigt: "Gott ist in dir." vgl.: "Welt außer mir ist Schein, wird wirklich erst wenn's Gott verbürgt. Der ist? Erinn're mich! Gott ist in Dir und deshalb ist Gott Ich. Gott ist Dein Ich dem Du den Rücken kehrst." (Sonett 112) Die Inwendigheit Gottes verbürgt die Harmlosigkeit Gottes; aber nur innerhalb, nur als Bestandteil des Ich, ist Gott freundlich; hingegen außerhalb des Ich wird Gott dem Ich bedrohlich, wenn nicht gar feindselig. Dass die Gefahr auf die Hölderlin anspielt als Bedrohlichkeit des äußerlichen Gottes verstanden werden möchte, war mir bisher nicht eingefallen. Der innerhalb des Ichs waltende, ungefährliche Gott ist unverbrüchlich geheimnisvoll und deshalb nicht mitteilbar. Jetzt entdeckt Hölderlin dass Gott (auch) mitteilbar sein muss also äußerlich. Der mitteilbare, der außerhalb des Ichs waltende Gott ist sehr gefährlich. Dass Hölderlin sich dieser Widersprüche bewusst gewesen sein möchte, ließe sich aus späteren Fassungen dieser Strophen schließen. Da heißt es: Voll Güt ist; keiner aber fasset Allein Gott. Dass die Güte des Gottes der nicht "Allein" gefasst wird, betont wird, besagt dass diese Güte nicht selbstverständlich ist. Eine weitere Unstimmingkeit erscheint in dem Gebrauch des sokratischen Ausdrucks "Und schwer zu fassen DER Gott" in der Urform des Gedichts; indessen spätere Prägungen sich Mosäischer Sprache bedienen: "keiner aber fasset allein Gott." "DER Gott" ist umständlich und menschenfern; "Gott" ist unumständlich, unmittelbar, unnennbar und quasi ungenannt. Die dritte und vierte Zeile bestätigen die Bedrohlicheit Gottes: Wo aber Gefahr ist, wächst Das Rettende auch. Die Rettung entspringt der Natur wie ein Gewächs. In Menons Klagen um Diotima heißt es vom tödlich verwundeten Wild: Und wie ihm vergebens die Erd' ihr fröhliches Heilkraut Reicht, und das gärende Blut keiner der Zephire stillt, So, ihr Lieben! auch mir, so will es scheinen, und niemand Kann von der Stirne mir nehmen den traurigen Traum? Genau aber was den Menschen gegen den Zorn des Gottes feien möchte erwähnt Hölderlin nicht. Stattdessen bezieht er sich auf einen weiteren Widerspruch nämlich den, dass die gottähnlichsten der Vögel, die Adler denen mit ihrem Höhenflug ein himmlisches Überblicken der Welt gewährt wird, dennoch zu diesem Flug aus in dunklen Steinhöhlen verborgenen Nestern abheben. Schließlich, um die Angst vor der unmittelbaren Gegenwart des Gottes zu vertreiben, zitiert Hölderlin die Furchtlosigkeit der Alpensöhne die auf "leichtgebaueten Brücken", wie auf dem Seil womit Nietzsche seinen Zarathustra als Akrobat des Lebens Tiefen übertanzen lässt, den Abgrund überqueren. Somit ist dialektisch, mit Widersprüchen, die Seelenwelt in der wir handeln müssen, skizziert. Es ist eine Welt in der die zeitlosen Gipfel der Alpen selbst als Sinnbilder der Zeit erscheinen, wo die Liebsten nah wohnen, ermattend auf getrenntesten Bergen, - in einer späteren Fassung heißt es: "sehnsuchtsvoll, ermattet auf getrenntesten Bergen", und somit trotz ihrer Nähe nur mit mühevoller Anstrengung erreichbar, mittels "schuldlosem Wasser", von dem geschrieben steht: "Und wen dürstet, der komme; wer da will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst." (Offenbarung 22,17) und mittels "Fittigen" "treuesten Sinns", sie, die Liebsten zu besuchen, "Hinüberzugehen und wiederzukehren", denn das Leben ist Systole und Diastole, hin und her, und bleiben ist nirgends. ==================== Lieber Herr Nielsen, bitte entschuldigen Sie mich wenn ich einstige Ausführungen wiederhole, und - ganz im Allgemeinen - wenn ich Überflüssiges schreibe. Ich bin bedacht unsere Korrespondenz nicht vertrocknen zu lassen, selbst wenn das Wasser womit ich sie begieße ein wenig abgestanden sein möchte. Die Ablehnung meines Revisionsantrags liefert weitere Perspektiven über die Gerichtsbarkeit mit welchem ich den fünften Band meiner Romanfolge Vier Freunde zu bereichern hoffe. Ich möchte noch diese Woche damit anfangen. Inzwischen Ihnen beiden herzliche Grüße. Jochen Meyer