Liebe Cristina, Der Brief ist an Sie gerichtet; aber ich will Sie "im Traum nicht stören, 's wär Schad um ihre Ruh." Deshalb statt ihn abzuschicken, verstecke ich ihn unter meinen Tagebucheinträgen, und eines Tages schicke ich Ihnen vielleicht den Schlüssel zur Internet-adresse wo ich ihn gespeichert habe, vielleicht aber auch nicht. Dann bleibt er Geheimnis. Heute Morgen als ich meinen e-mail Postkasten überschaute, - von Ihnen war kein Brief - ich beklage mich nicht; aber vom Gericht: eine Abweisung meines Revisionsantrages. Auch darüber beklage ich mich nicht. Hab's schon vor so vielen Jahren auswendig gelernt, und mir's im Stillen so oft wiederholt: Wen dieser Engel überwand, welcher so oft auf Kampf verzichtet, der geht gerecht und aufgerichtet und groß aus jener harten Hand, die sich, wie formend, an ihn schmiegte. Die Siege laden ihn nicht ein. Sein Wachstum ist: der Tiefbesiegte von immer Größerem zu sein. (Rilke - Der Schauende) Wobei es jedoch übertrieben scheint, das Revisionsgericht mit einem Engel oder gar mit einer Schar von Engeln zu vergleichen. Praktisch erwogen muss ich einsehen dass ich um vieles zu alt bin dass ich mich hätte durchsetzen können. Wie hätte ich denn allein und ohne Hilfe die Fußböden legen sollen, die Türen einbauen, die Fenster verschälen, die Wendeltreppe einbauen? Und nun bin ich von all diesen Aufgaben befreit. Die Folgen sind vorerst eine Betrachtung und vielleicht eine Revision der Beziehungen unter uns Familien- mitgliedern. Und die Zukunft? Das Grab scheint zunehmend näher, unmittelbarer, und verlockender. Dann aber verbietet dieser Gedanke jegliche Unterschrift.