Lieber Marco, Was für ein wunderbarer Brief! Wie echt und ehrlich - im Vergleich mit meinen barocken Schnörkelein. Bei mir waltet beim Schreiben die Voraussetzung, die Sprache müsse zum Zeiger dienen der auf das Erleben weist; und oft belastet mich die Sorge dass meine Sprache zum Selbstzweck wird und das Erleben verdeckt statt es zu offenbaren. Hoffentlich haben Sie bald Gelegenheit Ihren Besuch in Belmont zu wiederholen. Meine Reisepläne betreffs Wien schwanken wie das Wetter - nicht wie das äußere, sondern wie das Innenwetter - wie die Stimmung. An hellen Tagen sagt sie mir, unter allen Umständen, unbedingt; an düsteren Tagen scheint's unmöglich. Dann komme ich mir vor wie Gustav von Aschenbach auf dem Wege nach Venedig. Kennen Sie Thomas Manns Novelle vom Tod in Venedig? Ich bin entschlossen Sie über meine diesbezügliche Gemütsverfassungen auf dem Laufenden zu halten. Ihrerseits fühlen Sie bitte nach wie vor keine Verpflichtung mir zu schreiben. Freue mich stets von Ihnen zu lesen, verstehe aber Ihr schweigen nur allzu gut. Herzliche Grüße für's Neue Jahr - und für die Zukunft überhaupt - an Sie beide. Jochen