Lieber Herr Nielsen, In den vergangenen paar Tagen hat mich die von mir so oft zitierte Eingangsstrophe ddes Hölderlin Gedichts "Patmos" aufs Neue beschäftigt und gefesselt: Nah ist Und schwer zu fassen der Gott. Wo aber Gefahr ist, wächst Das Rettende auch. Im Finstern wohnen Die Adler und furchtlos gehn Die Söhne der Alpen über den Abgrund weg Auf leichtgebaueten Brücken. Drum, da gehäuft sind rings Die Gipfel der Zeit, und die Liebsten Nah wohnen, ermattend auf Getrenntesten Bergen, So gib unschuldig Wasser, O Fittige gib uns, treuesten Sinns Hinüberzugehn und wiederzukehren. Wie vormals erwähnt drängt es sich mir als Reisegedicht ersten Ranges auf, denn Patmos möchte sinnbildlich der entfernteste Ort sein, wohin ich mich wagte; und neulich verschmolzen im Halbgtraum im Halbtraum die entlegensten Stätten, Patmos mit Braunschweig Heidelberg und Wien als vorstellbare Orte der Offenbarung. Denn unverkennbar ist es, dass ich an dem Ort wo ich mich gegenwärtig befinde, mir keine Offenbarung vorstellen kann. Offenbarung liegt, ihrem Wesen gemäß, in der Ferne; und die Unerreichbarkeit der Ferne bewirkt der Offenbarung Transzendentalität. Patmos ist die kleine Insel im Ägäischen Meer wo der heilige Johannes die Offenbarung der kosmischen Zeitlichkeit empfing. Mit seiner Hymne an Patmos bringt Hölderlin sein Bedürfnis diese Offenbarung des Johannes nachzuvollziehen zum Ausdruck. Ich weiß aus bescheidenster Erfahrung dass ein Gedicht nicht aus Überlegung entspringt. Es wallt auf wie eine Welle von Geistesablagerungen längst vergessenen Erlebens und dient als Darstellung seines Inhalts und seiner Gestalt. Die ersten beiden Zeilen des Gedichts: Nah ist Und schwer zu fassen der Gott. spiegeln die Enschlossenheit der deutschen Philosophen, worunter Hölderlin der tiefste und unerkannteste ist, ihr Denken auf einem Urgrund zu befestigen, das heißt, auf Gott. Nietzsche hat es erklärt: "Man hat nur das Wort »Tübinger Stift« auszusprechen, um zu begreifen, was die deutsche Philosophie im Grunde ist – eine hinterlistige Theologie." Dass Gott dem Menschen "nah" sein sollte, hat Hölderlin gelernt von Mystikern wie Angelus Silesius und seiner Predigt: "Gott ist in dir." vgl.: "Welt außer mir ist Schein, wird wirklich erst wenn's Gott verbürgt. Der ist? Erinn're mich! Gott ist in Dir und deshalb ist Gott Ich. Gott ist Dein Ich dem Du den Rücken kehrst." (Sonett 112) Die Inwendigheit Gottes verbürgt die Harmlosigkeit Gottes; der inwendige, christliche Gott ist unbedrohlich, bestätigt, stärkt und tröstet das Ich. Aber Hölderlin ist auch mit dem griechischen Göttergetümmel vertraut. Die sind äußerlich und bedrohlich; denn nur innerhalb, nur als Bestandteil des Ich ist Gott freundlich; hingegen außerhalb des Ich wird Gott dem Ich gefährlich, wenn nicht gar feindselig. und es sind die Gefahren die von grfiechischen Göttern ausstrahlen welche die beruhigende Versicherung einflüstern: Wo aber Gefahr ist, wächst Das Rettende auch. Zugleich aber ist was innerhalb des Ichs besteht inverbrüchlich geheimnisvoll und deshalb nicht mitteilbar. Der mitteilbare, der außerhalb des Ichs waltende Gott ist sehr gefährlich. Der Dichter ist Prophet; und die ihm offenbarten Geheimnisse mitzuteilen ist sein Amt. Dementsprechend ist alles "Evangelium" Drohung. Dass Hölderlin sich dieser Widersprüche, wenn auch unbewusst, bewusst gewesen sein möchte, ließe sich aus späteren Fassungen dieser Strophen schließen. Da heißt es: Voll Güt ist; keiner aber fasset Allein Gott. Eine weitere Unstimmingkeit erscheint in dem Gebrauch des sokratischen Ausdrucks "Und schwer zu fassen DER Gott" in der Urform des Gedichts; indessen spätere Prägungen sich Mosäischer Sprache bedienen: "keiner aber fasset allein Gott." "DER Gott" ist umständlich und menschenfern; "Gott" ist unumständlich, unmittelbar, unnennbar und quasi ungenannt. Die dritte und vierte Zeile bestätigen die Bedrohlicheit Gottes: Wo aber Gefahr ist, wächst Das Rettende auch. Die Rettung entspringt der Natur wie ein Gewächs. In Menons Klagen um Diotima heißt es vom tödlich verwundeten Wild: Und wie ihm vergebens die Erd' ihr fröhliches Heilkraut Reicht, und das gärende Blut keiner der Zephire stillt, So, ihr Lieben! auch mir, so will es scheinen, und niemand Kann von der Stirne mir nehmen den traurigen Traum? Genau aber was den Menschen gegen den Zorn des Gottes feien möchte erwähnt Hölderlin nicht. Stattdessen bezieht er sich auf einen weiteren Widerspruch nämlich den, dass die gottähnlichsten der Vögel, die Adler denen mit ihrem Höhenflug ein himmlisches Überblicken der Welt gewährt wird, dennoch zu diesem Flug aus in dunklen Steinhöhlen verborgenen Nestern abheben. Und nun die Angst vor der unmittelbaren Gegenwart des Gottes vertreibend, zitiert Hölderlin die Furchtlosigkeit der Alpensöhne die auf "leichtgebaueten Brücken", wie auf dem Seil womit Nietzsche seinen Zarathustra als Akrobat des Lebens Tiefen übertanzen lässt, den Abgrund überqueren. Somit ist dialektisch, mit Widersprüchen, die Seelenwelt in der wir handeln müssen, skizziert. Es ist eine Welt in der die zeitlosen Gipfel der Alpen selbst als Sinnbilder der Zeit erscheinen, wo die Liebsten nah wohnen, ermattend auf getrenntesten Bergen, - in einer späteren Fassung heißt es: "sehnsuchtsvoll, ermattet auf getrenntesten Bergen", und somit trotz ihrer Nähe nur mit mühevoller Anstrengung erreichbar, mittels "schuldlosem Wasser", von dem geschrieben steht: "Und wen dürstet, der komme; wer da will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst." (Offenbarung 22,17) und mittels "Fittigen" "treuesten Sinns", sie, die Liebsten zu besuchen, "Hinüberzugehen und wiederzukehren", denn das Leben ist Systole und Diastole, hin und her, und bleiben ist nirgends.