In unsers Busens Reine wogt ein Streben, Sich einem Höhern, Reinern, Unbekannten Aus DANKBARKEIT freiwillig hinzugeben, Enträtselnd sich den ewig Ungenannten; Wir heißen's: fromm sein! – Solcher seligen Höhe Fühl ich mich teilhaft, wenn ich vor ihr stehe. Goethe (Marienbader Elegie) Gegen große Vorzüge eines andern gibt es kein Rettungsmittel als die Liebe. Goethe (Aus Ottiliens Tagebuch) Liebe Cristina, Dank - da ist es schon wieder, dies schicksalsträchtige Wort! Dank: erstens, DASS Sie mir überhaupt geantwortet haben, zweitens, Dank WAS Sie mir geantwortet haben, und drittens, Dank WIE Sie mir geantwortet haben. Das hemmungslose Schreiben das ich pflege gibt Grund zu der Befürchtung dass die Empfängerin sich an meinem zügellosen Denken ärgern möchte und mir den weiteren Gedanken- und Gefühlsaustausch untersagen. Nicht dass ich auf Antwort dränge, denn was und wie Sie mir schon geschrieben haben, genügt die Bedürfnisse meiner Phantasie für den kurzen Rest des Lebens zu stillen. Darüber hinaus, sollte uns die "ununterbrochene Nachricht die aus Stille sich bildet" gegenwärtig bleiben. Rilke hat von ihr berichtet. Sie fragen um die Dankbarkeit die ich Ihnen und Ihren Eltern gegenüber empfinde. Es ist ein Teil der unvermeidlichen Dankbarkeit für das Licht, für Sonne, Mond und Sterne, für Winter, Frühling und Sommer, für Musik, für Sprache, für Gedanken und für Denken, Dankbarkeit welche dient die Harmonie des Empfängers mit der Gabe und mit dem Geber zu bestätigen. Es ist Dankbarkeit die keine Schuld besagt. Schuld ist ein weiteres Thema für einen anderen Brief. "Gratias agimus tibi propter tuam magnam gloriam," heißt es in der Messe; und es ist kein Zufall dass Bach sich derselben Noten bediente als er sein Schlussgebet "Dona nobis pacem" komponierte. Bestätigt meine Behauptung dass Dankbarkeit, und vielleicht nur Dankbarkeit, geeignet ist unter uns Menschen Frieden zu stiften. In der Musik der Sprache gibt es so wenig Zufall wie in der Musik der Töne. Ich würdige Ihren Rückfall in die Vielzahl der Anrede, "Sie" anstelle "Du". Sie mögen sich besinnen, dass das Duzen zwischen Ihnen und mir sich aus der Notwendigkeit ergab Sie und Nathaniel mit einem gemeinsamen Fürwort anzusprechen. Also entweder "Nathaniel Sie" oder "Cristina Du". Sie stimmten für das Du. Das war und soll mir recht sein. Auch mit dem beliebigen Wechseln, hin und zurück bin ich zufrieden. Erlauben Sie mir festzustellen, dass ich mich Ihnen gegenüber gewissermaßen als zusätzlichen Großvater betrachte, den man im klassischen Deutsch beliebig als Sie oder Du anreden mag. Oder wenn die einfache Großvaterschaft Ihnen eine unannehbar enge Beziehung besagte, dann als einen Ihnen beliebig fernen Großonkel, wobei ich Sie auf die Gefahr hinweise, dass die übermäßige genealogische Entfernung das schützende Inzesttaboo aufzulösen droht. Zu den verschiedenen Namen über die Sie verfügen, hab ich ganz für mich einen weiteren hinzuzusetzen: Perdita, die verlorene und wiedergefundene Enkelin. Wenn Sie möchten, mag das ein Geheimnis unter uns bleiben, oder auch nicht. Sie jedenfalls sind die einzige Enkelin mit der ich mich auch nur annähernd zu verständigen vermag. Sie erwähnen Nathaniel. Wahrscheinlich waren Sie abwesend bei meinen wiederholten Bitten an Benjamin Zander: "Be nice to Nathaniel." Darf ich auch Sie darum angehen? Nathaniel befindet sich in psychisch brenzliger Lage die zwar zum Teil auf seine ungestüme Leidenschaft Ihnen gegenüber zurückzuführen ist, wesentlich aber auch auf mangelnde sympathische Unterstützung von seinen Eltern und Geschwistern. Nichts liegt mir ferner denn als Liebschaftskuppler oder Entkuppler aufzutreten. Aber ich bin Arzt, alle Menschen sind meine Patienten, einbeschlossen Nathaniel - wie auch Sie selber. Mein Rat an Nathaniel ist mit allen Mitteln auf die Gestaltung seines Orchesters zu drängen, regelmässige Konzerte, so oft wie möglich zu veranstalten, und zwecks Ansammlung notwendiger Gelder, eine mildtätige Stiftung zu gründen. Ich hab ihm die einschlägigen Dokumente zu Verfügung gestellt, und hab ihm meine unbeschränkte Hilfe angeboten. Ihnen schlage ich vor, dass Sie Nathaniels Bestrebungen unterstützen, nicht nur indem Sie als Solistin in seinen Konzerten auftreten, sondern indem Sie sich quasi als Berufsberaterin an der Gestaltung und Planung seines Vorhabens so eingehend beteiligen wie er es Ihnen erlaubt. Bei einer solchen Zusammenarbeit, welche Monate, Jahre, vielleicht ein ganzes Leben bereichern könnte, würden sie beide entdecken was und wer sie sind und in welchem Maße sie zu einander passen, oder nicht. (Bin also doch ganz gegen eigenen Wunsch als Eheberater aufgetreten.) Im Anhang finden Sie einen Kommentar zum ersten Vers von Hölderlins Hymne "Patmos", den ich schrieb während ich auf Ihre Antwort wartete. Bitte fühlen Sie sich zu keiner Antwort gedrängt, und vergeben Sie mir wenn ich, statt zu unterzeichnen, Ihnen wiederhole was Ihre Mutter mir letzten Sonntag zum Abschied sagte: "Ich habe keine Worte ..." Verrätselung Ich schrieb von ABC. Euch aufzuzieh'n ist Lieblingstätigkeit von mir, auch Gott. Ich hoff' es wird so gnädiglich verzieh'n wie des Beamten: Reisen Se mit "J". Verschlüsselung, die mathemat'sche Lüge ist unausweichlich für geschrieb'ne Wahrheit. Nicht's übrig sonst als dass ich Wahrheit biege: politische korrekt' Verlogenheit. Verschlüsselung ist alles, Auch die Worte und die Sonettenblüte sind ein Schloss vorm Rausch des Lebens. An welch' verborgnem Orte der Schlüssel liegt? Im Heidelberger Fass. Und diese Strophen dienen als Beleg Dass ich zum Fass gefunden hab den Weg. Anhang ====== Nah ist Und schwer zu fassen der Gott. Wo aber Gefahr ist, wächst Das Rettende auch. Im Finstern wohnen Die Adler und furchtlos gehn Die Söhne der Alpen über den Abgrund weg Auf leichtgebaueten Brücken. Drum, da gehäuft sind rings Die Gipfel der Zeit, und die Liebsten Nah wohnen, ermattend auf Getrenntesten Bergen, So gib unschuldig Wasser, O Fittige gib uns, treuesten Sinns Hinüberzugehn und wiederzukehren. So lautet die Einleitung zu einem großen längeren Gedicht von Friedrich Hölderlin das den Titel "Patmos" trägt. Im Laufe der Jahre hab ich mir dies Gedicht immer wieder, meist im Stillen, manchmal aber auch laut vorgelesen oder aus dem Gedächtnis aufgesagt. Mir drängt es sich als Reisegedicht ersten Ranges auf, denn Patmos möchte sinnbildlich der entfernteste Ort sein, wohin ich mich wagte; und im Halbtraum gestern Nacht verschmolzen die entlegensten Stätten, Patmos und Wien und Los Angeles als vorstellbare Orte der Offenbarung. Denn unverkennbar ist es, dass wo immer ich mich gegenwärtig befinde, ich mir keine Offenbarung vorstellen kann. Offenbarung liegt, ihrem Wesen gemäß, in der Ferne; und die Unerreichbarkeit der Ferne bewirkt der Offenbarung Transzendentalität. Sie werden Patmos als die kleine Insel im Ägäischen Meer erinnern wo der heilige Johannes die Offenbarung der kosmischen Zeitlichkeit empfing. Mit seiner Hymne an Patmos bringt Hölderlin sein Bedürfnis diese Offenbarung des Johannes nachzuvollziehen zum Ausdruck. Die ersten beiden Zeilen des Gedichts: Nah ist Und schwer zu fassen der Gott. spiegeln die Enschlossenheit der deutschen Philosophen, worunter Hölderlin der tiefste und unerkannteste ist, ihr Denken auf einem Urgrund zu befestigen, das heißt, auf Gott. Nietzsche hat es erklärt: "Man hat nur das Wort »Tübinger Stift« auszusprechen, um zu begreifen, was die deutsche Philosophie im Grunde ist – eine hinterlistige Theologie." (Hölderlin, Hegel und Schelling waren seiner Zeit Komilitonen im Tübinger Stift.) Dass Gott dem Menschen "nah" sein sollte, hat Hölderlin gelernt von Mystikern wie Angelus Silesius und seiner Predigt: "Gott ist in dir." vgl.: "Welt außer mir ist Schein, wird wirklich erst wenn's Gott verbürgt. Der ist? Erinn're mich! Gott ist in Dir und deshalb ist Gott Ich. Gott ist Dein Ich dem Du den Rücken kehrst." (Sonett 112) Die Inwendigheit Gottes verbürgt die Harmlosigkeit Gottes; denn nur innerhalb, nur als Bestandteil des Ich ist Gott freundlich; hingegen außerhalb des Ich wird Gott dem Ich bedrohlich, wenn nicht gar feindselig. Zugleich aber ist was innerhalb des Ichs besteht inverbrüchlich geheimnisvoll und deshalb nicht mitteilbar. Der mitteilbare, der außerhalb des Ichs waltende Gott ist sehr gefährlich. Der Dichter ist Prophet; und die ihm offenbarten Geheimnisse mitzuteilen ist sein Amt. Dementsprechend ist alles "Evangelium" Drohung. Dass Hölderlin sich dieser Widersprüche, wenn auch unbewusst, bewusst gewesen sein möchte, ließe sich aus späteren Fassungen dieser Strophen schließen. Da heißt es: Voll Güt ist; keiner aber fasset Allein Gott. Eine weitere Unstimmingkeit erscheint in dem Gebrauch des sokratischen Ausdrucks "Und schwer zu fassen DER Gott" in der Urform des Gedichts; indessen spätere Prägungen sich Mosäischer Sprache bedienen: "keiner aber fasset allein Gott." "DER Gott" ist umständlich und menschenfern; "Gott" ist unumständlich, unmittelbar, unnennbar und quasi ungenannt. Die dritte und vierte Zeile bestätigen die Bedrohlicheit Gottes: Wo aber Gefahr ist, wächst Das Rettende auch. Die Rettung entspringt der Natur wie ein Gewächs. In Menons Klagen um Diotima heißt es vom tödlich verwundeten Wild: Und wie ihm vergebens die Erd' ihr fröhliches Heilkraut Reicht, und das gärende Blut keiner der Zephire stillt, So, ihr Lieben! auch mir, so will es scheinen, und niemand Kann von der Stirne mir nehmen den traurigen Traum? Genau aber was den Menschen gegen den Zorn des Gottes feien möchte erwähnt Hölderlin nicht. Stattdessen bezieht er sich auf einen weiteren Widerspruch nämlich den, dass die gottähnlichsten der Vögel, die Adler denen mit ihrem Höhenflug eine himmlisches Überblicken der Welt gewährt wird, dennoch zu diesem Flug aus in dunklen Steinhöhlen verborgenen Nestern abheben. Und nun die Angst vor der unmittelbaren Gegenwart des Gottes vertreibend, zitiert Hölderlin die Furchtlosigkeit der Alpensöhne die auf "leichtgebaueten Brücken", wie auf dem Seil womit Nietzsche seinen Zarathustra als Akrobat des Lebens Tiefen übertanzen lässt, den Abgrund überqueren. Somit ist dialektisch, mit Widersprüchen, die Seelenwelt in der wir handeln müssen, skizziert. Es ist eine Welt in der die zeitlosen Gipfel der Alpen selbst als Sinnbilder der Zeit erscheinen, wo die Liebsten nah wohnen, ermattend auf getrenntesten Bergen, - in einer späteren Fassung heißt es: "sehnsuchtsvoll, ermattet auf getrenntesten Bergen", und somit trotz ihrer Nähe nur mit mühevoller Anstrengung erreichbar, mittels "schuldlosem Wasser", von dem geschrieben steht: "Und wen dürstet, der komme; wer da will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst." (Offenbarung 22,17) und mittels "Fittigen" "treuesten Sinns", sie, die Liebsten zu besuchen, "Hinüberzugehen und wiederzukehren", denn das Leben ist Systole und Diastole, hin und her, und bleiben ist nirgends.