Lieber Herr Nielsen, Vorgestern hatten wir ein für unsere Verhältnisse beträchtliches Schneegestöber das etwa 14 cm Pulverschnee hinterließ, und das gestern, beim Beseitigen, zu einem zwar kurzen doch sehr freundlichen Austausch mit Ihrem Sohn Gelegenheit schuf. Meine Hausgäste, nachdem sie acht Tage mit der Besichtigung von New York City verbracht hatten, waren am 6. des Monats für zwei Tage ein zweites Mal angekommen, und flogen gestern Nachmittag zurück nach Wien. Nun wird mein tägliches Leben sich allmählich wieder in seine alten Bahnen einlenken. Inzwischen haben bei mir die jüngsten politischen Entwicklungen weitere Überlegungen bezüglich der öffentlichen Ethik ausgelöst, mit der Frage, Wie sollte ich das politische Geschehen als gut oder böse verstehen? In diese Gedankengänge schiebt sich der Begriff Schicksal, und wie so oft, suche ich Aufklärung bei den Alten Griechen. Deren Wort für Schicksal war μοιρα, (Moira) sich auf die Parzen beziehend welche sogar die Götter ins Besondere, den Zeus, regieren und deren Walten demgemäß als jenseits von Gut und Böse zu betrachten ist. Denn die Götter, ähnlich den Menschen berieten sich mit einander, und mit der Beratung schienen auch die göttlichen Handlungen dem (freien) Willen, einer Ethik von Gut und Böse, unterworfen. Im Vergleich ist der hebräische Gott, der wenn überhaupt, sich nur mit sich selbst berät, keinem Schicksal als dem eigenen, nur sich selber unterworfen. Viel mehr erscheint es dass Er, dass Jehovah, das Schicksal ist. Das außer- oder überwertliche Walten der Schicksalsparzen erinnert an das grenzenlose und deshalb unbestimmbare und unerkennbare ἄπειρον (Apeiron) des Anaximandros, und auf die entsprechende Wissensunmöglichkeit auf welche Sokrates mit seinem berühmten Behaupten auf sein eigenes Nichtwissen anspielt. Dies auch im Zusammenhang mit der Ansicht (oder Einsicht) dass die schlechte Tat, wie des Ödipus, sich stets nur aus Unwissen ergibt, und in diesem tiefsten Sinne unwillentlich, also schicksalhaft, ist. Vgl. "Vater vergib ihnen denn sie wissen nicht was sie tun." Mit anderen Worten, die Gefilde auf denen die Schicksalsparzen walten sind nicht nur jenseits von Gut und Böse; sie liegen auch jenseits des Wissbaren, also jenseits von Wahrheit und Unwahrheit. Dies wie so viel anderes verstand Goethe der seinem Harfner das Lied in den Mund legte: "Wer nie sei Brot mit Tränen aß wer nie die kummervollen Nächte auf seinem Bette weinend saß der kennt euch nicht ihr himmlischen Mächte. Ihr lasst den Armen schuldig werden denn alle Schuld rächt sich auf Erden." Oder so etwa aus meinem Gedächtnis. Hat es mich getäuscht? Manches Weitere wäre davon zu erzählen. Dergleichen Überlegungen scheinen mir wie eine Brücke zwischen Ethik und Erkenntnis, auf der zu verweilen der Mühe wert sein möchte. Herzliche Grüße an Sie beide. Jochen Meyer