Liebe Margret und lieber Hartmut, Vielen herzlichen Dank für den Adventsbrief, für das Weihnachtspaket mit der Schokolade, mit dem CD des Thomanerchors und dem Heft. Als Gegengeschenk hab' ich nichts als Worte, Worte und immer mehr Worte anzubieten. Das Alter hinterlässt seine Spuren. Im kommenden Juni sind's 87 Jahre. Die Hüften die längst nicht mehr wandern wollten, weigern sich schließlich auch dem Spazierengehen, und machen aus dem schlichten Anziehen von Strümpfen und Hosen ein erbärmliches Spektakel. Ich hab' mich entschlossen niemals zu klagen, und muss mich hüten meinen Entschluss zu bewahren. Also der Krankengeschichte soll's genug sein, wenn nicht schon zu viel. Geistig scheint's nicht zu hapern; aber die Zurechnungsfähigkeit ist eine Bestimmung die sich nicht selbstmachen lässt; denn je meschuggener einer ist, desto zuversichtlicher ist der eigenen Vernunft. Mit dem Sonnetieren hab ich, jedenfalls vorläufig eine Pause gemacht, denn 172 sind genug, wenn nicht schon zu viel. Die Elegie um den Tod ist nicht weniger einmalig und endgültig als dieser selbst, und verläuft unvermeidlich in gebührendes Schweigen. Ich bin mir in letzter Zeit bewusst geworden, in welchem Maße all die verschiedenen Phasen des Erlebens, einbeschlossen das absurde und bedrohliche Affentheater der Politik sich als Stoff zu dichterischer Spielerei anbieten. Aber ich frage mich warum? Wer soll, wer will das lesen? Werde mir zunehmend bewusst dass ich letzten Endes nur für mich selbst schreibe, und frage mich ob ich meinem Bedarf das Selbstgeschriebe zu lesen nicht Schranken setzen sollte. Stattdessen zum Beispiel, die Zimmer fegen, Staub wischen, Badewannen und Waschbecken säubern, den Keller aufräumen, und dergleichen vieles mehr. An möglicher Beschäftigung ist kein Mangel, wobei ich mir zunehmend meiner eigentlichen Aufgabe bewusst bin: das Ende des Lebens geduldig abzuwarten. Nathaniel, nach dem Ihr fragtet, scheint mit seiner gegenwärtigen Beschäftigung als Faktotum eines ruhmessüchtigen Dirigenten vollkommen zufrieden. Obgleich Nathaniels eigene musikalische Tätigkeiten vorläufig äußerlich überschattet werden, hab ich den Eindruck dass sich bei ihm ein Verstehen entwickelt welches ihn befriedigt und vielleicht letzten Endes das Überleben in dieser verwirrten und verworrenen Welt überhaupt ermöglicht. Ich bin Euch dankbar für Euer Interesse an ihm. Inzwischen sende ich Euch Weihnachts- und Neujahrsgrüße in solchem Maße wie ich sie in diesem kalten Winter heraufzubeschwören vermag. Euer Jochen