Lieber Herr Nielsen, Wann immer mein Schreiben ins Stocken gerät, wie heute Abend nach dem 122. Sonett, bediene ich mich der Gelegenheit zu einem Brief an Sie, zu einem Brief, ich möchte es ausdrücklich betonen, der keine Antwort bedarf oder gar erfordert. Auch dies Mal schäme ich mich Sie brieflich zu belästigen. Es ist mir ein Bedürfnis zu wiederholen, dass ich meinem Schreiben, und besonders den Sonetten, keine Qualitdt zumesse. Einige begeistern mich; andere sind mir peinlich. Ich meine beobachtet zu haben, dass mein Schreiben gelähmt wird, wenn immer ich den Versuch mache es zu beurteilen. Ich schreibe wie es mir einfällt, und überlasse Kritik und Zensur der Zukunft. Beim Aufsetzen der Sonetten an und über meine verstorbene Frau wähne ich ein besseres Verständnis für das Wesen der Sprache, des Gedichts in Besondere, geschöpft zu haben, insofern als ich verstehe wie die Sprache (im Gedicht) auf geistige Zusammenhänge und auf seelisches Erleben hinweist, die anderweitig unerreichbar wären, wenn sie nicht überhaupt erst durch die Dichtung geschaffen werden. Dabei fällt mir auf, dass sich ins Besondere die so schwer verständliche "Philosophie" als Dichtung besonderer Art deuten lässt; und dass vielleicht die Sonettenform in der ich mich übe, als Träger "philosophischer" Vorstellungen, An- und Einsichten, dienen möchte. Vielleicht wäre diese Wirkung des Sonetts schon dadurch vorbereitet, dass diese knappe und gedrungene Gedichtform ohnehin vom Leser verlangt den gezwungenen Strophen und Worten extrinsische Bedeutung zu gewähren, Bedeutung welche sich nicht (nur) aus dem Wortgefüge des Gedichts ergibt, sondern welches der Leser anhand der Anregung der Verse in der eigenen Erfahrung entdeckt oder aus dem eigenen Erleben schöpft. Das sind anspruchsvolle, großspurige Vorstellungen. In welchem Maße sie sich in meinen Sonettenversuchen bewähren, muss, wie so manches sonst, dahingestellt bleiben. Inzwischen Ihnen, Ihrer Frau und unseren School Street Nachbarn, falls sie sich in Ihrer Nähe befinden, herzliche Hochsommergrüße. Jochen Meyer