Lieber Herr Nielsen, Dies eine Nachschrift zu meinem Brief von gestern. Der erbetene (und vielleicht nachträglich zu bereuende) Treppenwitz. Im Verlauf des Schwafelns vergaß ich ihnen zeitweilige Erwägungen über DaPontes Figarolibretto mitzuteilen; Überlegungen die mich gegenwärtig beschäftigen, und die deshalb das einzig halbwegs vernüftige sind das ich Ihnen mitzuteilen vermöchte. An diesem regnerischen Nachmittag, bewegt mich die lebhafte Erinnerung an eine Szene im Frühjahr 1940, vor dem kleinen baufälligen Haus in welche die Kirchenbehörden uns bei unsrer Ankunft in Konnarock einquartiert hatten. Ich spielte vorm Hause mit einem neuen amerikanischen Freund. Meine Mutter erschien wutschnaubend an der Hintertür. Warum bist du nicht gekommen als ich dich gerufen habe? Ich habe dich nicht gehört. Du lügst, du lügst! Du hast mich doch gehört! Da gab' es eine arge rhetorische Strafe. - Seit Deutschland hat keine meiner Eltern mich geschlagen, und auch dort, nur einmal - eine andere erzählenswerte Geschichte die ich jetzt aufheben möchte. Seither frage ich mich, hab auch heute nicht aufgehört zu fragen, wie es möglich ist und was es bedeutet, weil man behauptet nicht gehört, nicht verstanden zu haben, der Lüge bezichtigt zu werden. Je älter ich werde, desto öfter die Notwendigkeit mich entschuldigen, nicht verstanden, also im eigentlichen Sinne, nicht gehört zu haben. In meiner Kindheit war die Lüge, jedenfalls was meine Mutter anbelangte, die Ursünde. (Ich hab' meiner Mutter in der Gestalt Bessies (Döhring II, S 17-22) ein Denkmal gesetzt.) Offensichtlich ist's mir unmöglich der Kindheit zu entkommen, denn wenn ich mir heute, dank des Internet, Mozart-DaPontes Figaro anschaue, anhöre, und vor allem bedenke, dann beeindruckt es mich dass die große Wahrheit DaPontes die Darstellung der bodenlosen Verlogenheit der Gesellschaft ist. - Dies im Vergleich mit den deutsch-sprachigen Opern Mozarts, vornehmlich Schickaneders Zauberflöte von der ich zu sagen wage, dass die große Unwahrheit die Darstellung der vermeintlichen Wahrhaftigkeit der Gesellschaft ist. Ich erinnere: (Von innen.) Es lebe Sarastro! Sarastro lebe! Papageno. Was soll dieß bedeuten? Ich zittre, ich bebe. Pamina. O Freund, nun ists um uns gethan! Dieß kündigt den Sarastro an. 30 Papageno. O wär ich eine Maus! Wie wollt ich mich verstecken, Wär ich so klein wie Schnecken, So kröch ich in mein Haus. -- Mein Kind, was werden wir nun sprechen? 35 Pamina. Die Wahrheit! Sey sie auch Verbrechen. Beyde. Die Wahrheit ist nicht immer gut, Weil sie den Großen wehe thut; Doch wär sie allezeit verhaßt, So wär mein Leben mir zur Last. 40 Achtzehnter Auftritt. Ein Zug von Gefolge; zuletzt fährt Sarastro auf einem Triumphwagen heraus, der von sechs Löwen gezogen wird. Vorige. Chorus. Es lebe Sarastro! Sarastro soll leben! Er ist es, dem wir uns mit Freuden ergeben! Stets mög er des Lebens als Weiser sich freun! Er ist unser Abgott, dem alle sich weihn. (Dieser Chor wird gesungen, bis Sarastro aus dem Wagen ist.) Pamina (kniet.) Herr, ich bin zwar Verbrecherinn! 5 Ich wollte deiner Macht entfliehn. Allein die Schuld ist nicht an mir -- Der böse Mohr verlangte Liebe; Darum, o Herr! entfloh ich dir. Sarastro. Steh auf, erheitre dich, o Liebe! 10 Denn ohne erst in dich zu dringen Weiß ich von deinem Herzen mehr: Du liebest einen andern sehr. Zur Liebe will ich dich nicht zwingen, Doch geb ich dir die Freyheit nicht. 15 ==================================== Es es ergibt sich also das der Vorsatz "Die Wahrheit, die Wahrheit" - von Mozart verdoppelt vertont - auszusprechen, in Lüge ausartet, - denn wenn mich mein Verstehen nicht täuscht, war Pamina ihrem Sarastro-Almaviva, wie dieser scharfsinnig erkannte, wegen Tamino (Du liebest einen andern sehr.) ausgerissen, behauptete aber (lügnerisch) der Neger sei Schuld. Ein anderer Widerspruch der mir auffällt: In diesen heil'gen Mauern, Wo Mensch den Menschen liebt, Kann kein Verraeter lauern, Weil man dem Feind vergibt. Wen solche Lehren nicht erfreun, Verdienet nicht ein Mensch zu sein. Ich frage wie ist es möglich den Menschen zu lieben und den Feind zu lieben, ihm aber zu gleicher Zeit (weil er sich weigert der Lüge beizupflichten) das Menschsein verwehren? Und dann erinnere ich (Kantate 24) 1. Aria A Violino I/II, Viola, Continuo Ein ungefärbt Gemüte Von deutscher Treu und Güte Macht uns vor Gott und Menschen schön. Der Christen Tun und Handel, Ihr ganzer Lebenswandel Soll auf dergleichen Fuße stehn. Aber Faust hat das letzte Wort: Mephistopheles: Ich führe dich, und was ich tun kann, höre! Habe ich alle Macht im Himmel und auf Erden? Des Türners Sinne will ich umnebeln, bemächtige dich der Schlüssel und führe sie heraus mit Menschenhand! Ich wache, die Zauberpferde sind bereit, ich entführe euch. Das vermag ich. Faust: Auf und davon! ====================== Lieber Herr Nielsen, Ich meine zu erfahren, dass nicht nur der Wein, sondern auch das Alter den Menschen trunken macht. Herzliche Grüße an sie beide. Jochen Meyer