Lieber Herr Nielsen, Dank für Ihren einsichtsvollen und anregenden Geburtstagsbrief. Wie ich, wenn ich recht erinnere, "einst" erwähnte, begleitet mich seit meiner Kindheit, Verwunderung über den vieldeutigen Sinn jeglicher Feiern und Feste, Geburtstagsfeiern, Weihnachten einbegriffen, Taufen, Hochzeitsfeiern, Totenmessen, Gedächtnisfeiern, und schließlich im weitesten und tiefsten Sinne, sogenannter "Gottesdienste" aller Arten. Bemerkenswert, dass es mir erst jetzt auffällt, dass musikalische Konzerte, Opern und Theateraufführungen auch als "Feiern und Feste" zu verstehen sind, wenngleich besonderer Art. Nun, im hohen Alter, bilde ich mir ein, genügend Verstand behalten zu haben, um über dies schwierige Thema nachzudenken. Feiern und Feste deute ich als Schnittstellen von Individuum und Gesellschaft. Feier welche das Subjektive ausschlösse wäre leer. Zugleich aber ist es unvermeidlich, dass die feierliche Veröffentlichung des Inwendigen, wie etwa bei der Hochzeitsfeier oder Gedächtnisfeier, gegen die Subjektivität verstößt. Da entdecke ich einen von Natur gegebenen Widerspruch den ich nicht zu lösen vermag, den ich aber meine schon in der Bibel angedeutet zu finden. Jesus lehrt einerseits, Wenn du aber betest so gehe in dein Kämmerlein, verspricht aber andererseits die Gläubigen vornehmlich als Gruppe zu besuchen, wenngleich er das herkömmliche Minyan von zehn Andächtigen verringert: Wo zwei und drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen. Versammlung scheint unentbehrlich. Auf ein Christusversprechen den Einzelnen in seiner Not zu besuchen und ihm beizustehen, kann ich mich nicht besinnen. Die nächstliegende Erklärung für meine Verwunderung möchte sein, dass ich die Bedeutung des Inwendigen überschätze und übertreibe. Ich vermute es ist Ausnahme, vielleicht Krankheitserscheinung, das gesellschaftliche Zusammensein so gering zu schätzen wie ich es tue. Vielleicht auch ist es ein Irrtum vorauszusetzen, dass wir alle mit einander gleich sein sollten. Je älter ich werde, desto dringender meine Überzeugung, dass es nicht auf Erklärungen, psychologische, soziologische oder anderweitige ankommt, oder gar auf kritische Verbesserung, sondern auf das Beobachten, Betrachten und Begutachten des Menschseins so wie es ist. "Preise dem Engel die Welt, nicht die unsägliche, ihm kannst du nicht großtun mit herrlich Erfühltem; im Weltall, wo er fühlender fühlt, bist du ein Neuling. Drum zeig ihm das Einfache, das von Geschlecht zu Geschlechtern gestaltet, als ein Unsriges lebt, neben der Hand und im Blick. Sag ihm die Dinge. Er wird staunender stehn; wie du standest bei dem Seiler in Rom, oder beim Töpfer am Nil. Zeig ihm, wie glücklich ein Ding sein kann, wie schuldlos und unser, wie selbst das klagende Leid rein zur Gestalt sich entschließt," (Rilke 9. Duineser Elegie) Fast selbstverständlich, hat sich meine Deutung meiner Schreibereien im Laufe des langen Lebens gewandelt. Als ich mit etwa neunzehn Jahren begann mein Denken und mein Erleben zu beurkunden, meinte ich das Geschriebene müsse einen von meinem Erleben unabhängigen Wert bezeugen, einen Wert der meine Bemühungen, und letztlich meine Person, rechtfertigen würde. Ich deute die Tatsache dass mir im Laufe der Jahre ein solcher, objektiver Wert zunehmend (oder abnehmend) unwesentlich erschien als Abwesenheitsindex; und ich erkläre mir meinen diesbezüglichen Gleichmut als Assimilationserscheinung nicht anders als die Gelassenheit mit welcher der äsopsche Fuchs sich mit der Unerreichbarkeit der allzu sauren Trauben abfand. Man meint der Fuchs hätte sich über seinen Verdruss hinweggetäuscht indem er sich vorgaukelte die Trauben wären unerwünscht sauer. Ich hingegen schlage vor, dass die Unerreichbarkeit der Trauben den Geschmack des Fuchses, sein Gemüt, in einer heilsamen Weise verwandelte die dem Fuchs sein künftiges Leben erleichterte. All dies in (oder aus) der Perspektive der von Katenus betonten Pseudo- identität meines Ich. Dass ich mich im Verlauf des Lebens assimiliert habe; dass mich die ungünstigen und günstigen Umstände meiner Erfahrungen verwandelt haben; dass ich mich, bei allem Behaupten meiner Unabhängigkeit und Identität jenen Umständen gemäß verwandelt habe. Eine Anpassung weder gut noch schlecht, aber höchst notwendig und naturgemäß. Darüber hinaus, erkläre ich mir das Erkenntnis-, das Wissensphänomen als ein weiterer Ausdruck der Assimilationsanfälligkeit. Das Erlernen einer fremden Sprache, einer mathematischen Beweisführung, eines Pfades durch eine unbekannte Landschaft, sie alle betrachte ich als Geistesabänderungen welche des Menschen Gemüt zu einem anderen, zu einem neuen macht. Ich gebe zu, das möglicher Weise das Erkenntnisproblem keiner solchen Lösung bedarf, weil es nichts ist als ein Hirngespinst meinerseits. So etwas is möglich; soetwas geschieht wenn man zu alt wird. Herzliche Grüße an Sie beide. Jochen Meyer