Lieber Herr Nielsen, Weil die Internet-Verbindung hier in Konnarock ausgefallen ist, wird's unmöglich sein von hier eine e-mail abzusenden, und deshalb wird dieser Brief vorerst zum Einmachen der gegenwärtigen Gedanken dienen. Ich werde sie speichern müssen bis ich nächstens wieder ins Tal fahre. Dort in dem Örtlein Chilhowie, an der Stelle wo vor sechsundsechzig Jahren Karl Vietor an meinen Vater und mich die Frage stellte: Kann man sich denn hier nirgends hinsetzen, dort ist es nun tatsächlich möglich geworden "sich hinzusetzen", denn da ist seither eine Zweigstelle des uramerikanischen Speisenhauses McDonald's erschienen wo Hackfleisch- brötchen mit Wi-fi serviert werden. Ich hatte noch nie ein solches Restaurant betreten; auch dies Mal war es nicht nötig, denn ich fand einen "Heißflecken" (Hot Spot) auf dem Parkplatz im Schatten dieses ungestalten Gebäudes, wo mein Klapprechner Anschluss ans Internet bekam und wo es mir dann gelang nebst 69 belanglosen e-mails, auch Ihren freundlichen Brief zu empfangen und von wo ich diese Antwort an Sie morgen oder übermorgen absenden werde. Die zwanzig Stunden lange Fahrt von Belmont am vergangenen Montag, drei Stunden mehr als gewöhnlich weil ich mir reichlich Zeit zum Schlafen gönnte, war äußerlich ereignislos. Nebst der Scheibe mit den Sonetten, hatte ich mir vier Audio-CDs mit unserem Briefwechsel 1949 und 1950 angefertigt, so wie auch etwa zehn Audio-CDs auf denen ich einige Kapitel des fünften, bisher unveröffentlichen Bandes der "Vier Freunde" vorlese so wie auch das Eingangskapitel des sechsten Bandes den ich hier in Konnarock fortzusetzen beabsichtige. Inwiefern mir dies gelingen möchte, wird sich herausstellen. Während der Fahrt beschäftigten mich Themen des Verstehens und Missverstehens, weil in den Briefen die wir einander schrieben, die Notwendigkeit des gegenseitigen Verstehens nicht selten erörtert wurde. Und weil mein Verstehen sich im Verlauf der Jahre verwandelt hat, - im nächsten Monat werden es siebzig sein, seit jenem schicksalshaften "Bachfest in Bethlehem" wovon das Sonett erzählt, frag ich mich heute, was es eigentlich heißen möchte, sich selber zu verstehen, geschweige denn einander. Um beim Unmittelbarsten anzusetzen: Verstehe ich Sie? Verstehen Sie mich? Im Rahmen der Sprache? Oder auch außerhalb dieses Rahmens? Und wie verhält es sich mit meinem Verständnis meiner Jugend? Ist es vorstellbar dass die Vergangenheit unerreichbar wäre? Und alles Erinnern kunstvolle Täuschung? Das Kunstwerk bietet sich mir als ewig sich gleichbleibende Gegenwart. Deswegen will ich zurück zur Arbeit. Herzliche Grüße an Sie und Ihre Frau. Jochen Meyer