Lieber Herr Nielsen, Folgend ist ein von mir niemal fertig gestelltes Brieffragment das mehr als einen Monat in meinen Rechnerkarteien gegoren hat, das ich Ohnen nun verspätet zukommen lasse. Grüße and Sie und Ihre Frau. Jochen Meyer Die Ärzte erzählen einander, dass der Langschläfer der gegen seine Gewohnheit vor Sonnenaufgang erwacht, an Trübsinn, Traurigkeit, Depression, Melancholia leidet. Mich aber, Langschläfer der ich nun einmal bin, weckten heute Morgen, als es noch dunkel war, meine Gedanken, - oder genauer - Katenusens Gedanken. Er verwieß meine Frage, ob es möglicher Weise einen unterbewussten Trübsinn gäbe als Freudschen Schnickschnack, und riet mir meine Morgenstunden mehr sinnvollen Überlegungen zu widmen. Mehr Sinnvolles, sagte ich zu Katenus, hab ich heute Morgen nicht im Kopf. Da will ich dir behilflich sein, war seine Antwort und er fuhr fort, ohne mich zu fragen, ob ich seine Ausführungen hören wollte. Und Sie, lieber Herr Nielsen, ich frage Sie, möchten Sie Katenusens morgendliche Träumereien erzählt bekommen? Und auch ich warte nicht auf Ihre Antwort, denn was durchs Gemüt zieht will ausgesprochen sein, und mehr, will sich im Niedergeschriebenen bestätigen lassen, warum? es versteht sich von selbst: als Narzissusspiegel. Hab zu viel Kafka und Orwell, und Lewis Carroll gelesen, muss mich auf die bevorstehende Gerichtsverhandlung vorbereiten, und mein Bauchfell stählen dem Lachkrampf vorzubeugen. Da, jedenfalls stimmen wir überein, dass es unziemlich, vielleicht sogar gefährlich ist den Richtern ins Gesicht zu lachen. Aber wie wäre das zu verhindern? Durch Beherrschung, sagte Katenus, durch Geistesdisziplin. Die musst du dir zulegen, wenn du vor Gericht bestehen willst. Und diese unentbehrliche Disziplin wäre? Entidealisierung, du Dummkopf. Lieber Katenus, war meine Antwort: Hochmut kommt vor dem Fall. Siehst du denn nicht ein, dass zu weit getrieben, die Entidealisierung sich dialektisch aufhebt, - insofern jedenfalls als sie gedanklich, begrifflich, sprachlich ist. Wir vermögen nicht uns der Idealisierung zu entbinden, weil unser Geist ein Sprachgefüge ist, das den Begriff, das Wort nicht zu entbehren vermag, und deshalb Ideale gebiert, eins nachdem andern, wie am Fließband. Mein lieber Langeschläfer, antwortet Katenus auf meine Herausforderung, das letzte Wort gehört mir, und ich lasse es mir nicht nehmen. Hast je von der Wiener Schule gehört? Welche meinst du? Man zählt nicht weniger als zwölf verschiedene Wiener Schulen, das nenne ich Bildungsfimmel. Katenus überhörte meine Unverschämtheit. Er sagte, ich meine natürlich den Wiener Kreis, du Dummkopf, mit Moritz Schlick und seinem logischen Positivismus. Schlick war aber nicht der einzige. Auf's Detail kommt es nicht an. Worauf es ankommt, ist die Einsicht, das Verständnis dass die logische Symbolik, will sagen, die Sprache, ihre Grenzen hat, und dass die Begrenzungen der Sprache sich sprachlich nicht aufweisen lassen, denn täten sie dies, so wären es sprachliche Grenzen die ausgesprochen würden, und wären demgemäß keine sprachlichen Grenzen. Lieber Katenus, du bist ein Schlauberger, das muss ich dir zugeben; aber nun ist eine Geschlechtsverwandlung deinerseits unabkömmlich. Du bist verrückt, sagte Katenus, sowas hat mir selbst der Polizeiinspektor auf der Insel nicht vorzuschlagen gewagt. Verrückt sind wir alle; wir sind alle verrückt. Du hast mich in ein Labyrinth gelockt aus dem ich keinen Ausweg finde. Daher die Notwendigkeit zur Geschlechtsverwandlung. Als männliches Wesen kannst du niemals zu Ariadne werden, und den Faden liefern mittels dessen ich mich aus deinem Labyrinth befreie. Das sollte kaum notwendig sein. Es war Ellys Stimme die sich einmischte. Ich schlage als Lösung den Instrumentalismus vor. Katenus fuhr fort: Der Widerspruch der darin liegt das Metasprachliche auszusprechen lässt sich nicht umgehen; aber Ellys ist dennoch ein guter Vorschlag. So etwa Katenus. Wie die negativen Theologie den Gott bestimmt durch den Katalog der Eigenschaten die ihm entgehen, so möchte es möglich sein den Instrumentalismus durch seinen Widersinn, durch seine Unlogik zu umschreiben. Es ist notwendig einzusehen, dass die Wirkung der Worte nicht nur auf ihrem Sinn beruht sondern nicht selten auf einem unlogischen Antrieb den Menschen zu einer bestimmten Handlung zu bewegen, die von dem Sinn der Worte unabhängig ist. Damit wäre der sprachliche Zwang des logischen Positivismus umgangen. Damit verwandelte sich die Sprache, und die Bedeutung der Worte wandelten sich. Der Meister des Instrumentalismus heißt Humpty Dumpty, und der erklärte: “When I use a word,’ Humpty Dumpty said in rather a scornful tone, ‘it means just what I choose it to mean — neither more nor less.’ ’The question is,’ said Alice, ‘whether you can make words mean so many different things.’ ’The question is,’ said Humpty Dumpty, ‘which is to be master — that’s all.” ― Lewis Carroll, Through the Looking Glass