Lieber Jürgen, Vielen Dank für Deinen Brief. Dein Schweigen hatte mir Vorstellungen von allermöglichen Widrigkeiten nahegelegt. Nun bin ich erleichtert dass Dir scheinbar seit dem Tod Deines Vaters kein weiteres Unglück widerfahren ist. Bei uns schleppt sich das Leben dahin, von einem zum nächsten Tag mit kaum erkennbarer Veränderung, aber dann, aus weiterer Sicht ist es unleugbar, dass es mit uns abwärts geht; keineswegs finde ich, ein Grund zur Klage, denn so sollte es, so muss es sein. Mein Sohn Klemens beabsichtigt mit uns am 3. Mai nach Konnarock in Virginia zu fahren. Dort, auf einem Bücherregal im zweiten Stock befinden sich die Originale der beiden Gedenktafeln für meinen im Kriege gefallenen Onkel. Deine Bitte um bessere Abbildungen ist mir lebhaft im Gedächtnis, und ich will versuchen ihr nachzukommen. Bei den ersten Versuchen letztes, - oder war es vorletztes Jahr - machte ich etwa zehn oder zwölf Aufnahmen weil ich mit keiner zufrieden war. Damals stieß ich auf technische Schwierigkeiten beim photographieren, denn ich verfüge über kein Gestell an das ich mir die Kamera bewegungslos, senkrecht und zentriert über den auf dem Fußboden entrollten und schon hier und da angerissenen Papiertafeln anklammern könnte. Ich will Klemens um Hilfe bitten; der ist ein erfahrener und engagierter Photograph. Betreffs meines kleines Aufsatzes über mein Verhältnis zur Oerlinghausener Synagoge, hab ich ein schlechtes Gewissen, weil ich den Namen des mit meinem Onkel auf dem Gedenkstein im Friedhof genannten Kameraden, nur kaum noch erinnern konnte, und diesen Namen fast sicherlich falsch angegeben habe. Bitte korrigiere meinen Fehler eh Du mein Geschreibsel veröffentlichst. Nach einem langen kalten schneeigen Winter wird es schließlich Frühling. Die ersten kleinen weißen Blümchen, auf Englisch heißen sie Snowdrops, sind im Garten erschienen, und weitere Blumenpracht ist im Anzug. Genieße das Leben, und freu Dich an ihm! Dein Jochen