Ich will Dir schreiben, eh ich mich den vielen anderen Dingen zuwende, die ich heute abend noch schaffen moechte. Auf dem Wege nach und von Plum Island habe ich das Tonband abgespielt welches ich von den Alten Deutschen Weihnachtsliedern gemacht habe. Ich bin beschaemt gestehen zu muessen, wie unzulaenglich mein Verstaendnis von Weihnachten bisher gewesen ist. Ich habe die Krippenlegende als Gefuehlsspielerei empfunden und habe sie nie ernst genommen. Das schlesische Weihnachtslied "Was soll das bedeuten" hat wesentlich dazu beigetragen mir die Ohren zu oeffnen. Schlesien, denke ich, war Deutschlands Appalachia, wohl der aermste Teil des nicht ueberreichen Landes. Du erinnerst Gerhart Hauptmanns Schaupiel, Die Weber? Eine Geburt im Stall, eine Krippe als Basinette, das waren fuer die verarmten Schlesier wirklichkeitsnahe Gefahren. Es kam vor; es kam vielleicht nicht selten vor. *Wir* wissen von den Folterkammern der Gestapo; wir wissen von falschen Zeugen, von verraeterischen Bekannten, von der Zerstoerungswut des Poebels, von Konzentrationslagern, vom Galgen, von der Gaskammer und vom elektrischen Stuhl. Von Obdachlosigkeit aber wissen wir nicht. Deshalb spricht uns die Matthaeuspassion unmittelbar an. Bachs Erleben musz unserem vergleichbar gewesen sein; denn er begleitet nur die Geburtswehen mit der Passionschoralmelodie. Das Entsetzen ueber die Entbindung im Stall und das Betten des Saeuglings unter den Maeulern der Tiere haben auch ihn nicht ergriffen. Die wunderbare Arie, "Schlafe mein Liebster, geniesze der Ruh," toent durch die Gemaecher von Schlosz Weiszenfels oder zumindestens eines Patrizierhauses in Leipzig. In der Scheune ist es nie erklungen. Hingegen das schlesische Lied: Ein herziger Vater, der steht auch dabei, ein wunderschoen Jungfrau, die kniet auch auf dem Heu! Um und um singt's, um und um klingt's, man sieht ja kein Lichtlein, so um und um brinnt's. == und dann erwachend aus dem Traum und ueberwaeltigt von entsetzlicher, unmittelbarer Wirklichkeit: Das Kindlein, das zittert vor Kaelte und Frost, ich dacht mir, wer hat es denn also verstoszt, ^^^^^^^^^^^^^ dasz man auch heut, dasz man auch heut ^^^^^^^^^ ^^^^^^^^^ ihm sonst keine andere Herberg anbeut? Vielen Dank fuer die schoene Schallplatte. =================================================== Das zweite und eigentlich noch wichtigere, das ich aussprechen musz, ist eine kleine Analyse meiner Beziehung zu L, welche mich immer wieder mit Schuldgefuehlen ueberschwemmt. Ich denke, vor neun oder zehn Jahren, als ihr Euch kennen lerntet, da war vielleicht der groeszte Bedarf Deines inwendigen Haushalts eine gewisse Distanz von mir, eine Unabhaengigkeit der Gedanken und Gefuehle, zu erlangen. Diesen Deinen Bedarf hat L, meines Erachtens, erfuellt, und nur dadurch, dasz sie dich unabhaengiger machte, ist es moeglich geworden, dasz die Beziehung zwischen uns sich dermasz vertieft und verstaerkt hat, wie es geschehen ist. Es waere von mir eine maszlose Ungerechtigkeit, die mir nie vergeben werden wuerde, wenn ich sie nun, ausgerechnet wegen dem groszen Dienst, den sie Dir und mir geleistet hat, bezichtigen sollte, und wenn ich sie, wegen des Opfers das sie fuer Dich und mich gebracht hat, beleidigte oder zurueckstiesze. Wenn Du die Dialektik meiner Darstellung nicht begreifst, frag mich danach.