am 14. Dezember 1994 .PP Ich erwachte heute morgen mit einer scheinbar klaren Vorstellung ueber das Verhaeltnis von Mensch zu Gott und Mensch zur Welt. Nun, nach nur einer Stunde, ist es wieder verschwommen. Oder war auch die Klarheit nur Schein, nur Taeuschung? .PP Ich sitze hier in meinem leeren Konsultationszimmer, alleine, denn Margaret betreut die Kinder, und denke dem Traume, denke den Traeumen, nach. Den Traeumen erstens der groszen eintraeglichen Praxis: eigentlich war das nie mein Bestreben, den Traeumen auch des Kuenstler- oder Denkerruhmes. Ich musz in dieser Hinsicht meine Schwaechen bekennen, aber sobald mir dies Gelueste nach Ruhm vor Augen erscheint erkenne ich seine Nichtigkeit, und wende mich beschaemt von ihm ab. .PP Den Traeumen nachdenken moechte dann heiszen, sich auf das Hier und Jetzt, auf die Gegebenheit und Wirklichkeit, auf die Dringlichkeit der Gegenwart zu besinnen; dialektisch also, die Traeume als solche bewerten, und sich entsprechend von ihnen zu entfernen. .PP Das Lutherlied, Ein feste Burg, durchwehte heute morgen mein Bewusztsein. Ich sah vor mir die Wartburg, die Feste Coburg, einst von den stolzen brutalen Fuersten beherrscht; heute nur noch von mueszigen Besuchern ueberlaufen; die Seele des Einzelnen in ihren entsetzlichen Verliesen begraben. Warum sollte die Wartburg weniger furchterweckend sein als Buchenwald, die feste Burg des Massenstaates. Und nun wird behauptet, Gott, unser Gott, nicht mein Gott, sei eine feste Burg, was soll das bedeuten? Was soll man sich darunter vorstellen. Wie soll man diesen Gottesbegriff erklaeren? Der juedisch-christliche Gottesbegriff ist des Menschen Wiedererkennen seiner selbst in der Uebermacht einerseits der Gesellschaft, andererseits der Natur. Selbstverstaendlich geschieht dieses Gleichstellung (Identification) in keiner anderen Wirklichkeit als der der Vorstellung, der Phantasie und ist auch hier nur ungefaehr und undeutlich angezeigt. Doch laeszt sich die Spur des Ich im Gottesbegriff nicht verkennen; und dieser wird letzten Endes nur durch jenen erklaert. .PP Die Inhaerenz (Verknuepfung, Anhaften) des Ichs im Gottesbegriffe, diese schwierigste und doch notwendigste Einsicht der Theologie, erklaert denn auch die mannigfachen religioesen Unstimmigkeiten zwischen den Religionen und den Sekten. Die geschlossene Religionsgemeinschaft, die Gemeinde, verbirgt die Konflikte und Widersprueche welche ihrer Gestaltung zu Grunde liegen. Die Widersprueche sind der Spannung gemaesz, welche die ungeklaerten Paradoxe die im Gottesbegriffe liegen, ausloesen. Am Ende zersprengen diese Widersprueche die Religionsgemeinschaft. Sie fuehren zur Zersplitterung, zur Vereinsamung. Sie fuehren in die Wueste des Einsiedlers.