am 31. Oktober 1994 .sp Liebe Gertraud, .PP Dank fuer Deinen Brief. Ich hatte mir vorgenommen, ihn mit nach Konnarock zu nehmen, um ihn noch einmal durchzulesen, kann ihn jedoch im Augenblick nicht finden. Mir scheint ueberhaupt, ich verbringe den halben Tag mit dem Suchen nach Briefen, Buechern, Rechnungen, Schluesseln, Armbanduhren, Schecks, Geldtaschen, Schraubenziehern und sonstigem, das ich geistesabwesend aus der Hand legte. Vielleicht ist es das Alter, das sich bemerkbar macht. .PP Abgesehen von seinem Inhalt, der mich mahnte bei meiner Begeisterung ueber die Maschinen auch die Blumen im Garten nicht ganz zu vergessen, und der uns hat teilnehmen lassen an Euern Ferien in Paris, wohin uns zu wagen Margaret und ich wohl kaum je den Mut aufbringen werden, hab ich auch meine Freude an der Handschrift, deren Entzifferung mich an den Rat einer meiner Lehrer erinnerte: "Junger Mann, eh Sie zu philosophieren beginnen, machen Sie erst einmal ein paar Konjekturen." Im Uebrigen finde ich, und bin in diesem Punkte Deiner Zustimmung zuversichtlich, dasz die Handschrift dem Brief eine Gueltigkeit verleiht, etwas Persoenliches, das die Schreibmaschine nicht zu erreichen vermag, geschweige der elektronische Rechner. .PP Moeglich, dasz ich nur mit Worten spiele, wenn ich meine zwischen Maschinen und Instrumenten zu unterscheiden, insofern als die Maschine ein Gefuege ist, das den Menschen zu verstaendnisloser Bedienung zwingt, waehrend dasselbe Gefuege zum Instrument wird, wenn der Mensch es zu eigenem Zweck zu benutzen versteht und sich entsprechend seiner bedient, sei es nun spielend oder schaffend. Auch scheint mir, dasz es nicht nur physische Gefuege, Maschinen also, oder Instrumente im herkoemmlichen Sinne, sind, welche dem Einzelnen dienen oder sich von ihm bedienen lassen. Auch die Geisteswelt in der wir atmen, die ueberlieferte Geschichte, die Kunst, die Literatur, und vor allem, die Wissenschaften, bedrohen uns mit maschinenartiger Unterdrueckung. Da wird mir Bernd zustimmen, wenn ich den Namen Chomsky erwaehne. Ich selbst habe die neuzeitliche mathematische Logik nicht weniger als die mittelalterliche Scholastik als maschinenenartige Apparate erlebt, mit welchen ich nie zu Rande kommen konnte. Ein immerwieder sich aufdraengendes Beispiel bedrueckender Geistigkeit ist mir die Rechtskunde. Die Unmenge unerlaeuterter und unbestimmter amtlicher Gesetze und Verordnungen, finde ich, wirkt als maschinenaehnliches Gefuege, welchem der Laie, ueberwaeltigt und unterdrueckt, gezwungen ist zu dienen; wird aber dem verstaendigen Rechtsgelehrten zum Instrument, mittels dessen er fuer seinen Mandanten und fuer sich selbst, Vorteil und Freiheit bewirkt. In diesem Sinn, bin ich lebenslang bestrebt gewesen mich nicht von Maschinen, weder physischen noch begrifflichen, tyrannisieren zu lassen, sondern sie so gruendlich zu begreifen, dasz sie mir zu Instrumenten wuerden. Dagegen hast Du doch nichts einzuwenden? XXXXXXXXXXXXX .PP Du erwaehntest mein neu entdecktes Interesse an der Literatur des siebzehnten Jahrhunderts. Es sind verschiedene Gesichtspunkte, von denen ich mich damit beschaeftige. Am Naechstliegenden mag mein Beduerfnis sein, Bestaetigung zu finden fuer meine Behauptung, dasz die Menschen allerorten und zu allen Zeiten zu unvorstellbaren Grausamkeiten faehig sind; und dasz es ein Irrtum mit verhaengnisvollen Folgen ist, eine beliebige Gechichtsepoche zu verteufeln und die jeweilig bedrueckende Entsetzlichkeit der Gesellschaft als das einmalige absolute Boese abzutun. Weit entfernt, dasz ein solches Urteil die moralische Ueberlegenheit des Urteilenden verbuergte. Im Gegenteil, die Verlagerung des Boesen in eine historische Vergangenheit, verleitet die Menschen das Boese das sie bekaempfen sollten, welches sie unmittelbar umstrickt, zu verkennen; es aus Bequemlichkeit annehmbar zu heiszen, und ihr Gewissen mit dem Gedanken zu beschwichtigen, dasz was heute geschieht, doch laengst nicht so entsetzlich ist wie bei den Nazis. .PP Das zweite was mich an der Literatur des siebzehnten Jahrhunderts interessiert, ist zu verstehen, wie eine Gesellschaft auf die Verwuestung reagiert, oder, genauer gesagt, wie das religioese und geistige Erleben einer Gesellschaft durch grosze, weit verbreitete Leiden verwandelt wird; um vielleicht dadurch dasz moderne Deutschland etwas besser zu begreifen. .PP Der dritte Punkt meines Interesses ist die Erscheinung, zum ersten Mal, der bewuszten berechneten Betonung und Pflege des poetischen Stils, besonders bei Opitz. Hier schreibe ich in voelligem Unwissen, denn ich habe bis jetzt noch keine von Opitzens oder seiner Nachfolger Werke erstanden, und bin zu taege, oder zu beschaeftigt gewesen, sie in der Bibliothek aufzusuchen. Schon aus der Entfernung aber beeindruckt mich die Diskrepanz zwischen der so Betonung des Stils und der scheinbaren Geringfuegigkeit des Stoffes welchen die Ars Poetica zu veredeln beansprucht. Ich erwaehne dies unter Vorbehalt meines Unwissens. von den Literaturgeschichten, die ich gelesen habe urteile ich, dasz der stoffliche Inhalt entweder sehr karg ist, oder aber den neuzeitlichen Literaturhistorikern nicht zugaenglich. .PP Wenn es so ist, dann draengt sich mir der Vergleich mit der neuzeitlichen Literatur auf, ins besondere mit Thomas Mann, dessen Werke ich fuenfzig Jahre lang bewunderte, und nun nach fuenfzig Jahren zu der Frage gelange, ob es vielleicht der hochgetriebene Stil war, der mich gegen die Armut des Inhalts blendete. Du erwaehnst die Buddenbrooks einmal wieder gelesen zu haben. Mit wieviel Kunst wird da nicht die Inhaltlosigkeit der buergerlichen Existenz gefeiert, wird der Leser am Schicksal der geistig und seelisch wurzellosen Kaufmannsfamilie vorbeigefuehrt. eine Witzelei ueber das Schicksal der eigenen Familie, von einem vertarnten Christian Buddenbrooks seinen Clubmitgliedern zur Unterhaltung erzaehlt. .PP Ich selbst habe vergangenen Sommer wieder einaml im Zauberberg gelesen, etwa das erste Drittel des Buches, mit der ausdruecklichen Frage im Sinn, was es denn war, das 1925 als es veroeffentlich wurde, einen so groszen Beifall erklaerlich machte. Ich stellte mir die Leser und Leserinnen jener Epoche vor und fragte mich, was es denn gewesen sein mochte, das sie an diesem Buch derart begeisterte. .PP Als ich nacheinigen hundert Seiten des abgestandenen Zigarrendunstes von Hans Gastops so geschaetzter Maria Mancini Marke uebrdruessig wurde, da meinte ich zu einzusehen, dasz es die geistig seelische Anspruchslosigkeit dieses Buches gewesen sein mag, welches nicht nur das Sanatorium Berghof, sondern das Leben und Sterben seiner Insassen (Patienten) vom Gesichtspunkt, aus der Perspektive anspruchsloser Mittelmaessigkeit beschreibt. Nicht nur die Krankheit, die Taetigkeit der Aerzte, das Sanatoriumsleben, sondern auch die Leidenschaftlichkeit Naphtas und Settembrinis wird als etwas komisches, laecherliches dargestellt. Wenn ich mich recht besinne, - ich habe das Buch nicht zu Hand, und kann es nicht nachschlagen, - wird diese Trivia;isierung versinnbildlicht indem Hans Castorp von Settembrini als einem Drehorgelmann traeumt. .PP Diese Seichtigkeit wird annehmbar gemacht durch den hervorragenden Stil. Und wie die inhaltsarme Schrift durch die Eleganz des Stils bedeutend erscheint, so empfanden denn vielleicht auch die hunderte von tausende von sonst anspruchslosen Lesern deren Begeisterung dies Buch erfolgreich machte im Spiegel dieses Buches einer Bedeutung welche sie bis dahin entbehrt hatten. Das Buch welche den admittedly mittelmaeszigen Hans Castorp als Herd, Zentrum geistiger Bedeutsamkeit machte, erfuellte auch den Leser der nicht weniger anspruchlos war als des Buches Held mit vergleichbarer Bedeutung. .PP Vielleicht werden die Romane von Thomas Mann in zwei oder dreihundert Jahren bei dem Leser ebensoviel -oder so wenig Begeisterung erwecken, wie die zwar sehr stilvollen, aber doch inhaltsarmen Gedichte von Martin Opitz und seinen Anhaengern. Auf den Gedanken, dasz mein abschaetziges Urteil auf nichts beruht als Neid, bin ich selbst schon gekommen. (Das Vorhergehende habe ich ausgelassen.) XXXXXXXXXXX .PP Diese Gespinste spinne ich waehrend ich hier in Konnarock, in Virginia, in den Bergen auf unserer Verande sitze, wo hinter den winterlich kahlen Bauemen die beiden hoechsten Berge dieses Staates, Mount Rogers und White Top, gegen den bewoelkten Himmel ragen. Wir sind nun schon seit einer Woche hier; bis gestern blieb der Himmel fast voellig klar. Heute nachmittag fielen ein paar Tropfen Regem. Am Morgen liegt weiszer Reif auf dem Rasen, und besonders auf den Kuppen der beiden hohen Berge jenseits des Tals. Dann kommt die Sonne und zaubert sommerliche Milde, die es erlaubt die Arbeit ums Haus in Hemdsaermeln anzupacken. .PP Sonnabend schon, also in vier Tagen, fahren wir nach Belmont zurueck. Ich finde es ein erfreuliches Reisen, wo man beim Kommen wie beim Gehen das gleiche Glueck empfindet, und gedenke manchmal bei unserem Pendeln, 1320 Kilometer hin, 1320 Kilometer her, der Frage welche Novalis Heinrich von Ofterdingen in den Mund legt: "Wo gehn wir denn hin?" und bestaetige mir seine Antwort: "Immer nach Hause". Zwar stimmt mich die Abfahrt, ob von dort oder von hier, jedes Mal ein biszchen traurig, aber meine Schwermut verfliegt, sobald ich mir das Ziel vor Augen halte. Von dem romantischen nirgendwo zu Hause sein, zu dem klassischen ueberall zu Hause sein, ist es, denke ich, doch nur ein kleiner Sprung der Gefuehle. .PP Kommt Ihr gelegentlich wieder uns zu besuchen? Gruesz bitte Bernd und Deine Schwester und Deine Mutter von uns beiden.